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Onkologe des UZ Leuven warnt: „Ich sehe Tumore, die ich nur noch in den Geschichtsbüchern vermutete“

Infolge der Corona-Maßnahmen wurde im vergangenen April fast die Hälfte weniger Krebsdiagnosen gestellt als im Jahr zuvor. Viele Gesundheitsvorsorgedienste wurden geschlossen, Arzttermine abgesagt und Kontrolluntersuchungen verschoben. „Jetzt müssen wir viel größere und komplexere Tumore behandeln und die Genesung gestaltet sich weitaus schwieriger. Die Folgen werden wir langfristig sehen, wenn die Übersterblichkeit wegen Krebs ansteigt“, sagt der Krebs- und Strahlentherapiespezialist Gert De Meerleer.

Bereits Mitte Juli hatte die Stiftung Krebsregister vor einer Häufung der Krebserkrankungen gewarnt. Im April 2020 lag die Zahl der Krebsdiagnosen 44 Prozent niedriger als im April des Vorjahres. Dieser Rückgang war einzig und allein auf die Auswirkungen der Corona-Bekämpfungsmaßnahmen zurückzuführen. Alle nicht notwendigen Untersuchungen und Eingriffe in den Krankenhäusern waren verschoben worden. Auch die großen Vorsorgeuntersuchungen für Brust-, Dickdarm- und Gebärmutterhalskrebs waren aus Angst vor der Corona-Epidemie eingestellt worden.

Auch nach der Wiederaufnahme der normalen Untersuchungen und Behandlungen Anfang Mai reagierten die Patienten zögerlich und zogen es vor, Termine abzusagen oder zu verschieben.

Daran hat sich nichts geändert, seitdem die Zahl der Covid-19-Infektionen Anfang Juli erneut zunahm.

Gert De Meerleer, Chefarzt der Klinik für Strahlentherapie und Onkologie der UZ Leuven, diagnostiziert mittlerweile Krebsgeschwulste, die er nur noch in den Geschichtsbüchern vermutete. „Kollegen fragen sich, wo ihre Patienten bleiben. Und das nur, weil Vorsorgeuntersuchungen und Behandlungen hinausgezögert und abgesagt werden.“

Die Folgen sind nicht nur jetzt bereits sichtbar, sondern werden es auch in den kommenden Jahren sein: „Je später ein Geschwulst diagnostiziert wird, desto schwieriger ist die Behandlung. Auch das Rückfallrisiko ist größer. Wir befürchten, dass wir in einigen Jahren viel mehr Krebstote haben werden.“

Der Facharzt weist auf eine Studie aus Großbritannien hin, die eine Übersterblichkeit von 4.000 Toten für vier Krebserkrankungen (Brust-, Darm-, Lungen- und Speiseröhrenkrebs) berechnet hat. Andere Krebsarten wie Prostata- oder Harnröhrenkrebs nicht mitgezählt.

Behörden müssen sensibilisieren

De Meerleer fordert die Behörden auf, die Bevölkerung zu sensibilisieren und darauf hinzuweisen, dass nicht nur Covid-19 eine Gefahr darstellt.  

Aber auch an die Bevölkerung richtet De Meerleer einen dringenden Appell: „Gehen Sie zur Untersuchung, wenn Sie sich Sorgen machen. Sie brauchen keine Angst zu haben, sich mit Corona anzustecken. Unsere Krankenhäuser sind vollkommen sicher. Wir tragen einen Mundschutz und Sie müssen sich nicht wegen Corona testen lassen, bevor Sie zur Visite kommen.“

Flip Franssen

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