Andreas Kockartz (Archivfoto 2012)

Spannende Orte: Eine ehemalige Seemannskirche und die Seemannsmission in Antwerpen

Seemannskirchen oder Seemannsmissionen sind weitaus mehr, als nur Anlaufstellen für Seeleute auf der Suche nach Hilfe oder Gesellschaft. Sie sind Treffpunkte und soziale Kontaktstelle für alle möglichen Leute. Und Anlässe, diese aufzusuchen, gibt es viele. In einer Hafenstadt wie Antwerpen finden sich noch solche Missionen und Kirchen, auch wenn sie ihre heutige Bedeutung weitgehend verloren haben oder anderen Zwecken zugeführt wurden.

Die "Betlehemskirken"

Die Norwegische Seemannskirche, auch „Betlehemskirken“ genannt (Foto oben), wurde einer breiteren Öffentlichkeit in Flandern bekannt, als unser Haus, der flämische Rundfunks VRT begann, für die TV-Nachrichten von den Gedenkveranstaltungen zum Jahrestag der Anschläge von Oslo und Utoya zu berichten. Zu diesem Anlass kamen viele Norweger aus dem ganzen Land hierher und auch einige Antwerpener.

Das Gebäude der Norwegischen Seemannskirche in Antwerpen - Italiëboulevard, Ecke Schwedenstraße - ist schon anderthalb Jahrhunderte alt und wurde gegründet, um norwegische Seeleute auf den rechten Pfad zu bringen, denn sie galten gemeinhin als Rauf- und Trunkenbolde. Das Hauptquartier der norwegischen Seemannsmission schickte einen Vertreter in die Stadt, um hier nach dem Rechten zu sehen und um eine evangelisch-lutherische Kirche zu gründen.

Das gelang und in der Antwerpener Schwedenstraße wurde am 3. August 1870 die Norwegische Seemannskirche eingeweiht, die im Laufe der Jahre erweitert wurde, als die Mission die nahegelegenen Stallungen der alten Pferdetram der Hafenmetropole ausbauen konnte. Im Zweiten Weltkrieg wurde das Gebäude von einer deutschen V1 getroffen und nur wenig blieb übrig.

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Andreas Kockartz (Archivfoto 2012)
Andreas Kockartz (Archivfoto 2012)

Doch es wurde wieder aufgebaut und wäre tatsächlich heute die älteste Seemannskirche der Welt, wenn sie noch zu diesem Zweck genutzt würde. Lange war sie mehr als „nur“ eine Kirche. Eigentlich war sie eine Art Sozial- und Familienzentrum für die Norweger, die Belgien ihr zu Hause nennen und die Schweden haben sich 2004 angeschlossen. Beide Sprachen verstehen sich gegenseitig und so kamen viele der rund 500 alleine in Antwerpen lebenden Skandinavier gerne hierher. Und Skandinavien-Fans konnten hier sogar ihre Norwegisch- oder Schwedisch-Kenntnisse auffrischen.

Auch viele Angehörige von evangelisch-protestantischen Glaubensbewegungen trafen sich hier zu Gottesdiensten und um zu beten. Doch die Norwegische Seemannskirche hatte keine große Zukunft und wurde 2014 verkauft. Die Schweden hatten ihre Niederlassung damals schon aufgegeben. Heute ist hier ein Veranstaltungsraum zu Hause, der unter dem Namen „HAVN Church“ firmiert. Am Gebäude wurde nicht viel verändert und auch im Inneren der Kirche wurde nicht viel umgebaut. Auch heute noch mieten Glaubensgemeinschaften aller Art diese ehemalige Kirche für ihre Veranstaltungen, doch hier finden auch Betriebsfeste, Parties, Kulturveranstaltungen und vieles mehr statt.

Ehemalige Norwegische Seemannskirche (heute HAVN Church), Italiëlei 8, 2000 Antwerpen. Info: www.havnchurch.com

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Andreas Kockartz (Archivfoto 2012)
Andreas Kockartz (Archivfoto 2012)

Das "Stella Maris"

Zwischen der Norwegischen Seemannskirche und dem Antwerpener Rooseveldplatz befindet sich am Italiëboulevard eine weitere Anlaufstelle für Seeleute aller Art, die allerdings noch in Betrieb ist.

„The Antwerp Seafarers Centre“ (Fotos oben), ein eher anonymeres graues und farbloses Gebäude, wird vom Apostolat zur See betrieben und bietet mehreren Einrichtungen und Glaubensgemeinschaften Räumlichkeiten an: die römisch-katholische Apostolaris Maris, die presbyterianische British & International Sailors´ Society, die lutherische Deutsche Seemanns-Mission und die anglikanische Mission to Seafarers. Im früheren Gebäude dieser Gesellschaft ist heute das Restaurant „Marcel“ unweit des Museums am Strom (MAS) eingerichtet (Foto unten).

Das „Stella Maris“ ist heute eine ökumenische und vielsprachige Einrichtung, in der sich die oben genannten vier Kirchen und Missionen zusammengefasst haben. Dieses Apostolat für Seeleute hat sich zum Prinzip gemacht, jedem Seemann zu helfen, wo auch immer er herkommt und welchen Glaubens, Rasse oder Hautfarbe er ist. Hier zählt der Mensch und der Seefahrer und wenn jemand in Antwerpen ankert, dann kann er hierherkommen.

Hier wird ihm religiöser Beistand geboten, auch wenn er keiner christlichen Kirche angehört. Das Haus bietet Hilfe beim Briefeschreiben und beim Kontakt zu Heimat und Familie und man kann sich entspannen, z.B. vor dem Fernseher oder beim Sport und ein kleiner Laden im Haus bietet das Allernötigste zu kleinen Preisen, genau, wie die Kneipe, in der man für kleines Geld essen und trinken kann.

„The Antwerp Seafarers Centre“, Italiëlei 72, 2000 Antwerpen. Info: www.aposmar.be   

Andreas Kockartz (Archivfoto 2012)

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