Alexander Dumarey

Spannende Orte: Die "Modellschule" von Gent

Am Vorabend des Ersten Weltkriegs, im Jahr 1913, richtete die Stadt Gent in Ostflandern die Weltausstellung aus. Im Rahmen dieser Weltausstellung entstand dort auf einer Fläche von rund 120 Hektar Land eine Art „Stadt der Zukunft“. In dieser „Modellstadt“ gab es auch eine „Modellschule“ und dieses Gebäude (Foto) ist quasi das letzte nennenswerte Überbleibsel der Weltausstellung von 1913 in Gent.

Die historische „Modellschule“ aus dem Jahr 1913 liegt versteckt im Süden von Gent zwischen der Uniklinik, einem Supermarkt und dem Studentenwohnheim „Boudewijn“. Die „Sankt Gerardus-Schule“ ist tatsächlich der letzte bauliche Zeuge der Weltausstellung von 1913 und sie ist bis heute das Vorbild für so viele Schulen im heutigen belgischen Bundesland Flandern. Aber, dort, wo sie heute steht, war nicht das Gelände der Weltausstellung damals…

Die Weltausstellung von Gent fand zwischen April und Oktober 1913 statt und damals ahnte kaum jemand, dass nur wenig später ein Krieg ungeahnten Ausmaßes die Welt heimsuchte und auch in Flandern bis heute fühlbare, spürbare und sichtbare Spuren hinterließ.

Das Gelände dieser Weltausstellung lag seinerzeit dort, wo heute das Millionenviertel (Miljoenenkwartier) und der Citadelpark zu finden sind. Gent holte alles aus sich heraus, was möglich war, denn die Stadt gehörte damals zu den „Gewinnern“ der industriellen Revolution. Neben den Ausstellungshallen und -palästen aber entstand dort auch eine Art „Stadt der Zukunft“ in Form einer Ortschaft, die Modell stehen sollte, „Modern Dorp“ genannt. Alle neuesten technischen Errungenschaften wurden dort eingebaut.

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Das "Modern Dorp" vor der Genter Weltausstellung 1913 während der Bauphase

Neun Architekten arbeiteten an den Entwürfen und Plänen für diese neue Ortschaft (Foto oben), in der es eine Kirche, eine Schule, eine Post, eine Schule, einen Bauernhof, ein Rathaus, Straßen und Wege mit fester Fahrbahn, ein Abwassersystem und Straßenbeleuchtung gab. Das „Modern Dorp“ wurde zum Prototyp für viele ländliche Gemeinden auf dem flachen Land, die keinen Rückstand gegenüber den modernen Industriestädten mehr haben sollten.

Aber, wie alle Anlagen der Weltausstellung von Gent, wurde auch das „Modern Dorp“ Ende 1913 wieder abgebaut bzw. abgerissen. Nur die „Modellschule“ blieb erhalten. Wie kam es dazu? Der Priester der Pfarre Sint-Pieters-Buiten, die neben dem Gelände lag, hatte ein Auge auf diese nagelneue und eigentlich ungebrauchte Schule geworfen. Mit Mitteln eines Schlossherren in seiner Pfarre kaufte er die Schule, ließ sie Stein für Stein abmontieren und nach den Originalplänen in seiner Pfarre wieder aufbauen. Schon nach 9 Monaten wurde in der „Sankt Gerardus-Schule“ (Sint-Gerardusschool) Unterricht gegeben. Der heilige Gerardus ist der Schutzpatron der Pfarre. Im Laufe der Jahre wurde eine kleine Kapelle und ein Glockenturm angebaut, die heute noch existieren.

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Im Nachhinein wurden viele Schulen in ganz Belgien, also bei weitem nicht nur in Flandern, nach dem Vorbild der Genter Modellschule gebaut. Viele von ihnen entstanden sogar mit dem gleichen Baumaterial: Ziegelsteine aus Boom (Prov. Antwerpen) und Blaustein aus Steinbrüchen in Écaussinnes (Prov. Hennegau). Diese Schule ist symmetrisch angelegt und durch große Fenster fällt viel Licht in die Klassenzimmer. Ab Mai 1914 galt in Belgien (Grund)Schulpflicht in getrennten Klassen für Mädchen und Jungen.

1983 wurde hier der Schulbetrieb eingestellt und seit dem vermietet die Pfarre das Gebäude kostenlos an einen gemeinnützigen Verein aus der Gemeinde.

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Alexander Dumarey

Die Geschichte dieses Gebäudes geriet über die Jahrzehnte in Vergessenheit und erst 2013 wurde die „Modellschule“ wiederentdeckt, als die Flämische Landesagentur für Denkmalschutz und Kulturerbe auf der Suche nach Überbleibseln von damals für die Feier zu 100 Jahren Weltausstellung in Gent auf sie aufmerksam wurde. Und tatsächlich ist diese ehemalige Schule alles, was noch von damals konkret und intakt auf architektonischer Ebene übrig geblieben ist. Allerdings ist das Gebäude heute nicht mehr in bestem Zustand und Bestrebungen, es unter Denkmalschutz zu stellen, führten bisher ins Nichts.

„Modellschule“ Gent, Harelbekestraat 64, 9000 Gent (Nähe Uniklinik und Studentenwohnheim „Boudewijn“).

Alexander Dumarey
Alexander Dumarey

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