Streit ums belgische Grundgesetz: Wird das Originaldokument nicht richtig aufbewahrt?

In den vergangenen Tagen entstand ein Streit über das belgische Grundgesetz. Nicht über den Inhalt, sondern über die Aufbewahrung des Originaldokuments aus dem Jahr 1831. Nach Ansicht von zwei Autoren wird das Dokument in den Gebäuden des belgischen Bundesparlaments nicht adäquat aufbewahrt und riskiert, Schaden zu nehmen. Dem sei nicht so, verlautete aus der Ersten Kammer des Parlaments.

Der Verfassungsexperte Stefan Sottiaux und die Historikerin Maartje van der Laak bemerkten vor einigen Tagen gegenüber der flämischen Tageszeitung Het Laatste Nieuws, dass das originale belgische Grundgesetz buchstäblich wie „ein Fetzen Papier“ behandelt werde. Dem wiedersprach umgehend Marc Van der Hulst, der Generalsekretär der Abgeordnetenkammer in Brüssel. Sottaux und Van der Laak arbeiten gerade an einem Roman über die Geschichte Belgiens und in diesem Zusammenhang führte ihre Recherche auch zum originalen handgeschriebenen Text des belgischen Grundgesetzes aus dem Jahr 1831.

Sie waren entsetzt, als sie sahen, unter welchen Umständen dieses historische Dokument in einer Art Kleiderschrank in der Kammer aufbewahrt wird: „In einem schrottreifen Tresor und für die Öffentlichkeit nicht zugänglich.“ Maartje van der Laak machte ein Foto von dem Tresor (siehe ganz unten). Die beiden Autoren äußerten sich gegenüber HLN enttäuscht darüber, wie unser Land mit seiner Geschichte umgeht.

„Das sagt viel über unser Land, über einen Mangel an nationaler Identität und Stolz. Das Grundgesetz wird nicht nur im Sinne des Wortes sondern auch tatsächlich wie ein Fetzen Papier behandelt“, so der Historiker Sottiaux. Die Historikerin Van der Laak sprach von einem „Friedhof für das Grundgesetz“ und befürchtet, dass das Dokument Schaden nimmt: „Noch weitere 30 Jahre Aufbewahrung unter diesen Umständen und das Dokument ist nicht mehr leserlich.“

Recht auf Antwort

Marc Van der Hulst, der Generalsekretär der Ersten Kammer im belgischen Bundesparlament, das ist die Abgeordnetenkammer,  reagiert auf die Vorwürfe mit einen „Recht auf Antwort“ in Het Laatste Nieuws und darin zeigt er sich in seiner Ehre getroffen: „Im Namen der Verwaltungsdienste der Kammer will ich einige falsche Behauptungen berichtigen, die mit unserer Archivverwaltung zu tun haben. Der Buchteil mit dem originalen Grundgesetz von 1831 befindet sich nicht in einem ‚Kleiderschrank‘ sondern in einem feuersicheren Safe.“

Der graue Karton, in dem sich das Dokument befinde, sei eine spezielle Kiste, die säurefrei sei, so Van der Hulst: „Standardmaterial in der Bibliotheken- und Archivwelt. Die Kombination von Konservierungskiste und Safe sorgt dafür, dass der Buchteil des Grundgesetzes perfekt staubfrei aufbewahrt wird.“

Zudem, so Van der Hulst, werde das Dokument im Dunkeln bewahrt, was Lichteinflüsse auf Papier und Tinte zuvorkomme. Auch den Vorwurf, dass man das Grundgesetz ohne Handschuhe in die Hände nehmen dürfe, relativiert der Generalsekretär der Kammer: „Mit Handschuhen aus Stoff hat man weniger Griff, was dazu führen kann, dass man dem Dokument mechanischen Schaden zufügen kann.“

Nicht öffentlich ausgestellt

Van der Hulst gibt allerdings zu, dass der Ort, an dem das originale Grundgesetz aufbewahrt wird, nicht unbedingt etwas Besonderes sei, doch dies habe keinen Einfluss auf die Art der Aufbewahrung. Zur Frage, ob man dieses historische Dokument wegen seiner Bedeutung nicht öffentlich ausstellen sollte, will sich der Generalsekretär nicht persönlich äußern.

Nur so viel: „Das permanente Ausstellen von Dokumenten z.B. unter Glas ist für solche Dokumente ein großes Risiko. Archivstücke sind nun einmal nicht im Hinblick auf ein permanentes Ausstellen angefertigt worden. Eine gute Kopie könnte allerdings eine Lösung bieten. Wie letztendlich mit dieser Frage umgegangen werden müsse, sei Sache des Vorsitzes der Kammer, so Van der Hulst.

Inzwischen bleiben der Verfassungsspezialist Stefan Sottiaux und die Historikerin Maartje van der Laak dabei, dass das originale Grundgesetz schlecht aufbewahrt werde. Dies wiederholten sie auch ausdrücklich auf Anfrage von VRT NWS. Der Safe befinde sich in einer Kleiderkammer und die Box, in der das Dokument aufbewahrt werde, befinde sich in einem Safe, in dem ständig andere Dokumente konsultiert würden. Dies habe man bei zwei Besuchen (Oktober 2019 und August 2020) feststellen müssen. Nicht nur der Text beginne zu verschwinden, sondern auch der Buchrücken sei inzwischen beschädigt. 

(c) Maartje van der Laak

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