Medizin und Wissenschaft äußern Kritik an den Lockerungen: "Unterschätzung ist der beste Freund des Virus"

Die neuen Corona-Anpassungen, die der Nationale Sicherheitsrat am Mittwoch für Belgien erlassen hat, sorgen bei Wissenschaftlern, Medizinern und Virologen für gemischte Gefühle. Für die einen ist angesichts von steigenden Fallzahlen in unserem Land jetzt nicht die Zeit für Lockerungen und für andere ist eine eher flexible Handhabe der Maßnahmen unter Vorbehalt keine schlechte Sache. Indessen rufen die Universitäten von Antwerpen, Gent und Hasselt ihre Studierenden dazu auf, sich auf die neuen Lockerungen nicht einzulassen, um das Virus aus den Instituten zu halten.

Biostatistiker Geert Molenberghs (KU Leuven/UHasselt) sagte gegenüber VRT NWS, dass eine flexible Handhabe der sogenannten 5er-Gruppe oder 5er-Blase keine schlechte Idee ist, denn die Tatsache, dass jetzt jedes Mitglied eines Haushalts mit jeweils 5 weiteren Personen enge Kontakte unterhalten darf, helfe aus der sozialen Isolation herzauszukommen und gegen die Corona-Müdigkeit in der Gesellschaft. Molenberghs geht davon aus, dass sich bis zu 80 % der Bevölkerung auch daran halten werde. Doch nicht alle werden dies tun, wovor der Biostatistiker denn auch angesichts der steigenden Corona-Zahlen warnt: „Man soll das neue Konzept nicht als Lockerung betrachten, sondern als Anpassung.“ Kritik am Sicherheitsrat äußert Molenberghs in die Richtung, als das der Rahmen dazu eigentlich hätte fertig sein müssen. Die neue Vorgehensweise, ein Barometer, wird zunächst noch von den zuständigen Gesundheitsgremien überprüft.

Für den Virologen Marc Van Ranst (KU Leuven) ist der Zeitpunkt für Lockerungen oder Anpassungen gerade jetzt noch nicht gegeben. Er verweist in seiner Kritik gegenüber VRT NWS deutlich auf die gerade stark steigende Ansteckungskurve und die steigenden Zahlen von Krankenhauseinlieferungen von Corona-Patienten: „Diejenigen, die diese Lockerungen gefordert haben, tragen eine große Verantwortung. (…) Inzwischen sind wir von der Realität eingeholt worden. Die Zahlen steigen wieder. Die Maßnahmen, die jetzt vorgestellt wurden, werden die Epidemie nicht bremsen. Ein Beratungsorgan ohne Virologen (das Gremium Celeval, das den Sicherheitsrat und die belgische Regierung im Hinblick auf ein Corona-Exit berät (Red.)) kann man sich vielleicht erlauben, wenn die Zahlen günstig sind. Wenn sie aber steigen, ist das gefährlich.“

Für den Intensivmediziner Geert Meyfroidt (KU Leuven) sind die neuen Anpassungen des Sicherheitsrates ein „seltsamer Beschluss. Das ist nicht das, was ich erwartet habe.“ Er und seine medizinischen und wissenschaftlichen Kollegen aus der Universitätswelt in Flandern hatten völlig andere Vorstellungen von dem, was herausgekommen ist, wie er gegenüber VRT NWS sagte: „Wir haben Deutlichkeit gefordert und vielleicht mancher Orts auch strengere Regelungen. Wir haben aber weniger Deutlichkeit und schon gar keine strengeren Maßnahmen erhalten.“ Für Meyfroidt habe gerade diese Undeutlichkeit des geltenden Corona-Regelwerks dafür gesorgt, dass die Zahlen wieder steigen. Jetzt wisse man, was in den kommenden Wochen auf das Gesundheitswesen in Belgien zukommen werde, so der Intensivmediziner: „Würden wir jetzt einen Lockdown einführen, dann würden die Zahlen noch zwei Wochen lang steigen. Wir tun also nichts, warten zwei Wochen und analysieren dann von neuem. Dann wird man zu der Feststellung kommen, dass die Zahlen stark angestiegen sind und muss viel extremere Maßnahmen einleiten. Timing ist superwichtig. Je höher man ansetzt, je schwieriger wird es, die Zahlen wieder runter zu bekommen.“

Mikrobiologe Herman Goossens (UAntwerpen) versteht die Beweggründe des Sicherheitsrats: „Man hoffte wohl, dass sie Leute mehr Verantwortung übernehmen, doch jetzt geht man von einem Extrem ins andere. (…) Ich hoffe, dass wir eine andere Haltung annehmen, doch da bin ich mit ehrlichgesagt nicht sicher. Es sind nicht die Politiker, die das Problem lösen, sondern die Menschen.“ Goossens befürchtet, dass in Sachen Corona-Ansteckungen die Deiche zwischen den Generationen brechen werden: „Es wird zu mehr Ausbreitung zwischen den Jugendlichen und den Studierenden kommen. Jüngere haben vielleicht weniger Schwierigkeiten, doch ich glaube, dass sie den älteren Generationen schaden werden. Unterschätzung ist der beste Freund des Virus.“

Für den Facharzt für Impfmedizin Pierre Van Damme (UAntwerpen) ist das neue Maßnahmenpaket des Nationalen Sicherheitsrats eine verpasste Chance und zwar in dem Sinne, als dass das erwartete System mit einem Farb- oder Zahlenkode, Barometer genannt, zwar angekündigt aber noch nicht konkret vorgestellt wurde. Dieser Barometer, der auf Basis der aktuellen Entwicklung des Coronavirus funktionieren soll, wird erst in zwei Wochen kommen: „Ich bin der Ansicht, dass das schon morgen oder übermorgen geschehen muss. Jetzt wurden Maßnahmen vorgestellt, ohne dass die Bürger ausreichend einschätzen können, was die Folgen ihres Verhaltens sein können.“

Die Universitäten von Antwerpen, Gent und Hasselt rufen indessen ihre Studierenden dazu aufgerufen, sich auf die neuen Lockerungen nicht einzulassen, um das Virus aus den Instituten zu halten. Ein entsprechender offener Brief ist von Professoren, Wissenschaftlern und Dekanen unterzeichnet worden. 

Meist gelesen auf VRT Nachrichten