Kinderpsychiater Adriaenssens: „Was König Filip als Kind erlebt hat, nennt man heute emotionale Verwahrlosung.“

Der bekannte Leuvener Kinderpsychiater Peter Adriaenssens beschreibt die Kindheit von König Filip als „unzumutbar. Sie hätte den Einsatz der Kinderfürsorge gerechtfertigt.“ Diese Aussage stammt aus der Dokumentarreihe Filip van België, die zurzeit auf dem VRT-Sender Canvas ausgestrahlt wird.

„Heute würde man die Erlebnisse dieses Kindes als emotionale Verwahrlosung bezeichnen“, so der bekannte Kinderpsychiater über die Kindheit von König Filip, der in einer "kaputten Familie mit abwesenden Eltern aufwuchs. Seine Einsamkeit hat ihn gezeichnet.“

Peter Adriaenssens unterstreicht, dass er kein Vertrauter des Königs ist, sondern nur aus seiner Expertise als Kinderpsychiater spricht.

Emotionale Verwahrlosung ist eine Form der Kindesmisshandlung, über die nur wenig gesprochen wird, die aber häufig vorkommt, sagt Adriaenssens: „Wir wissen, dass emotionale Verletzungen die Fähigkeit beeinflussen, sich zu konzentrieren, zu erinnern und zu bewegen. Wenn wichtige Bezugspersonen, wie die Eltern ständig abwesend sind, lernt ein Kind nicht, mit seinen Gefühlen umzugehen, Vertrauen zu fassen und sich stark zu fühlen.“

Man erkennt diesen Mangel an der Körperhaltung, an der Art, sich zurückzuziehen und im Schatten zu bleiben, sagt der Kinderpsychiater, der aus Erfahrung weiß, dass viele Menschen diese emotionale Verwahrlosung erfahren haben. „Der König hat bereits mehrmals angedeutet, dass seine Kindheit und Jugend nicht sehr glücklich waren. Er kann eine wichtige Vorbildfunktion erfüllen und zeigen, dass man seine traumatische Jugend bewältigen kann. Das kann andere ermutigen.“

Als junger Kronprinz hat Filip harsche Kritik zu hören bekommen. Von Kommentatoren und Beratern schalt es, er sei hölzern, verkrampft und erstarre unter Leuten zu einer Salzsäule. Das hat seine Unsicherheit noch vergrößert, analysiert der Kinderpsychiater. 

Von seinem Onkel, König Boudewijn, zum König erzogen.

Dann kam Mathilde

Verlobung von Filip mit Mathilde d’Udekem d’Acoz im Jahr 1999.

Erst als Filip seine spätere Frau Mathilde trifft, findet er innere Ruhe und Glück. „Königin Mathilde weiß viel über Traumas. Ich kenne sie besser, da ich zehn Jahre lang Vorsitzender der Königin-Mathilde-Stiftung war. Sie selbst musste mit 11 Jahren den Tod ihrer Schwester verarbeiten. Sie hat ein Gespür für Traumas und widmet traumatisierten Kindern viel Aufmerksamkeit.“

Dass der König seine Traumas verarbeiten konnte, sieht man auch zum Teil daran, dass er seinen Kindern wohl ein warmes Nest bereiten und sie vor solchen Traumas behüten konnte. „Sie sind wohl das erste Königspaar in unserem Land, dass seine doppelte Rolle als Staatsoberhaupt und als Eltern erfolgreich gestalten kann“, stellt Adriaenssens fest.

In diesem Sommer auf einem Ausflug in Bokrijk: v. l. n. r. Elisabeth, Emmanuel, Gabriel, Mathilde, Eleonore, Filip.
König Filip findet einen Ausgleich u. a. beim Malen und Zeichnen. Hier zeigt er dem französischen Staatspräsidenten Macron ein Porträt von Elisabeth.

Erbmonarchie: ein Verstoß gegen die Kinderrechte

„Wenn man Kinderpsychiater fragen würde, ob es gut ist, wenn ein Land darüber entscheidet, wie die Zukunft des ältesten Kindes der Königsfamilie zu verlaufen hat, würden wir sagen, dass es gegen die Rechte der Kinder verstößt. Wir leben in einer Demokratie und bestimmen, dass eines der Kinder in unserem Land nichts zu sagen hat. Dass sein ganzes Leben bereits festliegt“, äußerst Adriaenssens sich zur erbrechtlichen Regelung der Thronfolge und die Art und Weise, wie Thronfolger behandelt werden. 

Dieser Druck sei für ein Kind und einen Jugendlichen schon schwer genug, meint Adriaenssens. Wenn er den König bewundere, so auch weil dieser es geschafft habe, sich von seiner traumatischen Jugend und deren Folgen zu befreien.

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