Die Angst der belgischen Fischer vor dem Brexit

Eigentlich sind die belgischen Fischer flämische Fischer, denn die gesamte belgische Nordseeküste befindet sich mit ihren großen und kleinen Häfen in der Provinz Westflandern. Sie und ihre Reedereien beobachten in diesen Tagen die Brexit-Verhandlungen mit Argusaugen, denn der Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union hat unmittelbar mit ihrem Geschäft zu tun. Und als ob die Coronakrise nicht schon genug wäre, sieht es gerade hier nach einem harten und ungeordneten Brexit aus.

Auf dem Höhepunkt der Coronakrise fielen die Fischpreise in Belgien zurück und nur mithilfe von Unterstützungen der flämischen Landesregierung und der Europäischen Union konnten sich Angebot und Nachfrage wieder preislich stabilisieren. Der Brexit jedoch und im Besondern ein ungeordneter Brexit würde aber für viel größere Probleme sorgen. Seit es in der EU in den 1970er und 1980er Jahren eine gemeinschaftliche Fischereipolitik gibt, dürfen Fischer aus allen Mitgliedsländern in den Gewässern anderer Länder zum Fang ausfahren. Nur innerhalb einer 12-Meilen-Zone können die einzelnen Mitgliedsländer untereinander Vereinbarungen treffen, um z.B. lokale Fischer zu schützen.

Fangquoten und fragliche Statistiken

Und jedes Jahr legen die zuständigen Minister der EU-Staaten die zulässigen Fangquoten fest. Dies geschieht auf Basis der Analysen zu den Fischbeständen durch den Internationalen Rat für Meeresforschung (ICES). Doch diese Vorgehensweise stieß bei den Briten eigentlich nie wirklich auf Verständnis. 2018 veröffentlichte  die britische Regierung Zahlen, um im Zuge des Brexit-Vorhabens für Fakten zu sorgen. Demnach haben Fischer aus der EU in britischen Gewässern im Zeitraum 2012-2016 jährlich rund 760.000 Tonnen Fisch gefangen, während britische Fischer in den Gewässern anderer Länder „nur“ jährlich rund 90.000 Tonnen Fisch an Land bringen konnten.

Seerechtsvertrag der Vereinten Nationen

Allerdings hinkt dieser Vergleich und das Problem ist nicht nur auf die EU zurückzuführen, wie das flämische Nachrichtenmagazin Knack in ihrer aktuellen Ausgabe schreibt. In den vergangenen Jahrzehnten, heißt es dort, hätten die britischen Behörden Fischereirechte großen ausländischen Reedereien abgetreten. Doch dieses hausgemachte Problem verschweigt die Regierung Johnson ihren Fischern und ihrer Bevölkerung…

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Evelyne jacq

Für die britische Regierung muss das alles ab dem 1. Januar 2021 ein Ende haben. Ab diesem Tag wird sich Großbritannien nicht mehr an den gemachten Vereinbarungen zur Fischerei mit der Union halten. Dabei beruft sie sich auf den Seerechtsvertrag der Vereinten Nationen aus dem Jahr 1982. Danach kann sich Großbritannien auf die sogenannte „exklusive wirtschaftliche Zone“ von 200 Seemeilen (370 Kilometer) zwischen Küstenlinie und internationalen Gewässern berufen.

„Souveräne“ Briten

Die Briten wollen aber nicht dieses Seegebiet alleine ausschöpfen, sondern sie wollen „souverän“ selbst festlegen, wer wann und wo wieviel Fisch dort fangen darf. Und da lauert das konkrete Problem für die belgische Fischerei. Die hiesigen Fischer und Reeder erzielen rund 50 % ihres Fangs und ihres Umsatzes mit Fang in britischen Gewässern, z.B. im „Kanal von Bristol“ oder in der Irischen See vor der Küste Nordirlands. Rund 2.300 Arbeitsplätze sind in Belgien mit dem Fisch aus britischen Fanggebieten direkt oder indirekt verbunden, so die Reeder-Zentrale, die die flämischen Fischer vertritt.

Fällt das alles weg, so kann dies für den gesamten Sektor das Aus bedeuten. Das wissen auch die flämische Landesregierung, die Flämische Fischauktion und das Flämische Zentrum für Agrar- und Fischereimarketing (VILZ). Nicht selten sind belgische Fischer drei Monate des Jahres in britischen Gewässern unterwegs und sie landen ihren Fan in britischen Häfen, wie Liverpool oder Swansee.

Die belgische Küste ist kein wirkliches Fanggebiet

Das belgische Hoheitsgebiet in der Nordsee ist 2.017 Quadratkilometer groß und hat eine Küstenlinie von gerade mal 67 Kilometern. Hier befinden sich mehrere Offshore-Windkraftanlagen, Unterseekabel zwischen dem europäischen Festland und Großbritannien, Natur-und Meeres-Schutzgebiete, militärisch genutzte Seegebiete und Gebiete, in denen Giftwaffen aus den beiden Weltkriegen des vergangenen Jahrhunderts versenkt worden sind und nicht zuletzt international vielbefahrene Schifffahrtslinien. Hier gibt es nicht viele Möglichkeiten, Netze auszuwerfen…

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Fazit?

Das Thema Fischereirechte ist sowohl für die britische Regierung und ihre Brexit-Unterhändler, als auch für die belgischen/flämischen Fischer ein Symboldossier bei den jetzt in die Endrunde gehenden Verhandlungen. Die EU will die Rechte für die Fischer aus der Union in britischen Gewässern unverändert sehen und die belgische Fischerei hat eigentlich keinen Plan B. Wenn die Briten ihre Rechte selbst verwalten, dann wird der Fanganteil, den die Belgier zugesprochen bekommen, ungleich kleiner. Also müsste jeder Wasser in seinen Wein gießen, damit verträgliche Quoten festgelegt werden können.

„Fish and Chips“

Schließlich können die britischen Fischer ohne eine Einigung auch nicht mehr in die Gewässer anderer EU-Ländern auslaufen und ob ihre eigenen Fanggebiete, so reichhaltig sie auch derzeit sind, für die Versorgung des britischen Königreichs bzw. dem, was davon übrigbleiben mag, mit frischen Fisch auf Dauer ausreichen, sei dahingestellt. Und ob die EU den Belgiern Stilllegungszuschüsse für ihre gerade erneuerte und nachhaltig modernisierte Flotte zahlen will oder wird, ist noch eine ganz andere Sache… 

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