Professorin Erika Vlieghe: „Zahlen sind dramatisch und erschreckend. Warum ist Lockdown tabu?“

Die renommierte Infektiologin Erika Vlieghe (Uniklinik Antwerpen, Foto) ist sehr besorgt über den anhaltenden Anstieg der Corona-Zahlen in Belgien. In „De zevende dag“ (dt.: „Der siebte Tag“), der sonntäglichen Nachrichtengesprächsrunde der VRT, nannte sie die Entwicklung  "dramatisch" und "erschreckend". Wenn die Corona-Zahlen weiterhin den gleichen schlechten Trend aufweisen, müssen die Maßnahmen in unserem Land noch strenger werden. Dies ist ihre Botschaft, die auch von  der Antwerpener Provinzgouverneurin Cathy Berx und Marc Noppen, Direktor des Brüsseler Universitätskrankenhauses, geteilt wird.

"Es geht schnell voran, besonders in den letzten Tagen", so Vlieghe. "Die Kurve ist wieder vollständig exponentiell. Es läuft nicht gut. Das müssen wir ganz ehrlich sagen. Wir sollten die Menschen nicht verängstigen, aber wir müssen die Dinge so sagen, wie sie sind. Und dann versuchen, etwas dagegen zu unternehmen".

Nach Ansicht der Infektiologen werden wir nicht direkt dorthin zurückkehren, wo wir im März waren, als die Virusepidemie ausbrach. "In der Zwischenzeit sind viele Dinge vorbereitet worden", sagte sie. "Verfahren und Puffersysteme, die alles verlangsamen. Anfang März hatten wir eine Verdoppelungsrate alle vier Tage. Jetzt haben wir etwas mehr Zeit für die Krankenhauseinweisungen. Aber es geht schnell. Wir müssen jetzt handeln".

Man muss die Dinge sagen, wie sie sind: es geht nicht gut. Im September mussten wir als Virologen und Infektiologen wochenlang gegen Vorwürfe ankämpfen. Es war Blödsinn zu behaupten, wir hätten übertrieben

Infektiologin Erika Vlieghe (UZ Antwerpen)

Noch strengere Maßnahmen erforderlich

Die Antwerpener Provinzgouverneurin Cathy Berx denkt z.B. daran, enge Kontakte noch weiter einzuschränken, etwa nur noch auf die Mitbewohner, "oder Ihren Liebsten, wenn er nicht bei Ihnen wohnt", zu beschränken. Notwendig sind aber auch strengere Restriktionen im Freizeitbereich, wie z.B. Vierertische in Restaurants, Schließung von Kantinen und Duschen in Sportvereinen und Sportveranstaltungen ohne Publikum. Sie will die Schulen aber nicht erneut schließen, findet aber, strengere Maßnahmen sollten nur sicherstellen, dass das Bildungswesen in Betrieb bleiben kann.

Vlieghe ist auch der Ansicht, dass strengere Maßnahmen zumindest in Erwägung gezogen werden sollten, und schließt einen erneuten Lockdown jedenfalls nicht aus. „Jeder nennt eine neue Ausgangssperre ein Tabu und sagt 'Nie wieder', aber was denn sonst? Inzwischen hat sich die Lage so zugespitzt und dann müssen zu einem bestimmten Zeitpunkt Entscheidungen getroffen werden". 

Uniklinik Brüssel: Situation alarmierend

CEO Mark Noppen von der Uniklinik Brüssel bestätigt, dass die Situation in der vergangenen Woche "ziemlich alarmierend" war. "Es ist in allen Brüsseler Krankenhäusern zu sehen. Das hat auch Auswirkungen auf die Pflege, die nicht mit dem COVID-19-Virus in Verbindung steht. Die kann einfach nicht mehr angeboten werden und das verursacht danach Elend. Es besteht ein extremer Druck auf das Personal. Aufgrund der verzögerten Betreuung gab es im vergangenen Sommer nie wirklich einen Moment der Ruhe. Und jetzt ist das Corona-Virus wieder da. Es gibt bereits Ausfälle".

Einen Mehrwert sieht Noppen aber in noch mehr Informationen. "Wir sprachen mit Gruppen junger Menschen, und sie besuchten unser Krankenhaus. Sie verfügen über ein großes Netzwerk und sind jetzt einflussreich".

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