Biostatistiker Geert Molenberghs: „Ohne Lockdown bis zu 3.000 Patienten, die Intensivpflege benötigten"

Ohne die in den letzten Wochen ergriffenen Maßnahmen würden mittlerweile 2.500 bis 3.000 Patienten eine Intensivpflege benötigen. Das hat der Biostatistiker Geert Molenberghs  (Foto) errechnet. Hierfür würden die Kapazitäten der belgischen Krankenhäuser nicht ausreichen. Vorläufig scheinen sich die Zahlen auf einem niedrigeren Niveau zu stabilisieren (derzeit mehr als 1.450 Patienten auf der Intensivstation). Doch der Druck auf die Krankenhäuser ist nach wie vor sehr hoch, und das Ende der zweiten Welle ist noch nicht in Sicht.

Lockdown gerade rechtzeitig?

Der Höhepunkt der ersten Welle war am Ende der ersten Aprilwoche: am 6. April waren 5.759 COVID-19-Patienten ins Krankenhaus eingeliefert worden; am 8. April waren 1.285 Intensivbetten mit COVID-19-Patienten belegt.

Heute liegen wir mit 1.464 Patienten auf der Intensivstation bereits weit über diesen Zahlen. Molenberghs rechnet mit dem Höhepunkt dieser zweiten Welle irgendwo zwischen diesem Wochenende und dem 12. November, auch wenn es darüber erhebliche Unsicherheiten gibt. Aber eines ist sicher: Laut Molenberghs hätten wir ohne die in den letzten Wochen ergriffenen Maßnahmen die maximale Kapazität von 2.000 Intensivbetten mit gut 2.500 bis 3.000 Patienten auf den Intensivstationen deutlich überschritten. Hierfür sind unsere belgischen Krankenhäuser nicht ausgerüstet.

Zweite Welle: mehr Krankenhausaufenthalte, weniger komplizierte Fälle

Aber was sind die Vorhersagen bezüglich der Zahl der Todesfälle? Zunächst einmal ist die Zahl der Krankenhauseinweisungen derzeit höher als bei der ersten Welle. "Aber vergleichsweise weniger Menschen brauchen jetzt intensive Pflege".

Infolgedessen erwartet und hofft Molenberghs, dass die Todesrate während dieser Welle niedriger ausfallen wird als während der ersten Welle.  Dennoch wagt er es nicht, dies konkret zu beziffern. Ihm zufolge wird die allgemeine Sterblichkeitsrate davon abhängen, wie sich die Sterblichkeitsraten in stationären Pflegeeinrichtungen und Altersheimen entwickeln. "Die verstärkte Schulung des Personals, einschließlich der Maskenpflicht, stellt sicher, dass infizierte ältere Menschen eine geringere Virenzahl aufnehmen. Und das dürfte zu einer weniger schwerwiegenden Entwicklung der Krankheit führen".

Die Unvorhersehbarkeit der zweiten Welle

Wie diese zweite Welle sich weiter entwickeln wird, ist nach wie vor schwer vorherzusagen und hängt von verschiedenen sich verändernden Faktoren wie z.B. weniger strengen Maßnahmen ab. Schon jetzt ist klar, dass diese Welle ein langsameres Wachstum aufweist als die vorherige. "Das liegt daran, dass wir beim letzten Mal erst kaum Maßnahmen ergriffen haben und dann in einen strikten Lockdown gewechselt sind", sagt Molenberghs. "Das Virus hatte dann bereits eine gewisse Verbreitungsrate erreicht, wodurch es viel weniger leicht verlangsamt werden könnte. Nun gab es schon strengere Coronaregeln, bevor der Lockdown Anfang der Wochen wieder begann".

Um die Ausbreitung von COVID-19 in Belgien vorherzusagen, entwickelten die Universitäten von Namur, Gent, Brüssel und Hasselt/Antwerpen jeweils ein eigenes Ausbreitungsmodell, das auf unterschiedlichen Annahmen beruht. Durch die Kombination der verschiedenen Modelle wurde eine so genannte Ensemble-Prognose bis Ende 2020 erstellt. Die Zusammenstellung der verschiedenen Vorhersagen zu einem Ensemble ist eine interessante Möglichkeit, ein möglichst verlässliches Bild der Zukunft zu entwerfen. Das Ausmaß, in dem die Modellvorhersagen übereinstimmen, ist ein zusätzlicher Beleg für die Zuverlässigkeit der Prognose.

Wie lange noch?

Molenberghs wagt noch keine Vorhersage über das potentielle Ende der zweiten Welle, weil er sich die Frage stellt: Wann können wir sicher sein, dass die Welle wirklich vorbei sein?  Er selbst würde es vorziehen, dass das Positivitätsverhältnis, d.h. die Anzahl der Personen, die getestet werden und positiv testen, unter 1% liegt. Auch die Zahl der bestätigten Infektionen muss drastisch zurückgegangen sein. "Es wird wohl noch eine Weile dauern, aber wenn diese Welle abschwächt, gibt es Hoffnung.“

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