War es richtig, die Gastronomie wegen der Corona-Maßnahmen zu schließen? 

Eine Studie der Stanford Universität in Kalifornien bestätigt Vermutungen, die auch in Belgien die Runde machen, nach denen sich Covid-19 auch und vor allem in Cafés und Kneipen sowie in Fitnesszentren verbreitete. Dadurch fühlen sich jene Experten bestätigt, die im Rahmen der belgischen Corona-Maßnahmen für die zweite Welle eine erneute Schließung der Gastronomie forderten. Die Gastronomieverbände in Belgien fühlen sich allerdings ins Mark getroffen und wollen nicht zum Jo-Jo der Gesellschaft werden.

Die Wissenschaftler in Stanford basierten ihre in der Fachzeitschrift Nature veröffentlichten Studie auf Computermodellen, die mit demografischen und epidemiologischen Schätzungen und den anonymen Daten von Mobiltelefonen arbeiten. Daraus war und ist ersichtlich, wo sich Menschen aufgehalten haben, wie lange sie dort blieben und wie viele andere Personen dicht dabei waren.

Diese Daten kamen nicht nur aus der Gastronomie oder aus Sportstätten, sondern auch aus Schulen, Baumärkten, Tiergeschäften und religiösen Einrichtungen. Insgesamt 553.000 Locations und die Daten von rund 98 Millionen Menschen im großstädtischen Raum in den USA kamen hier zum Tragen.

Belgien?

Auch in Belgien können diese Erkenntnisse genutzt werden, wenn neue Maßnahmen gegen die weitere Ausbreitung des Coronavirus ergriffen werden müssen. Eine dritte Welle muss auch hier unbedingt vermieden werden, damit die Wirtschaft nicht kollabiert. Doch in Belgien wurde auch ein weiteres „Spreader“-System aufgedeckt, nämlich die Heimreise von Studierenden am Wochenende und deren Rückkehr wieder in ihre Studentenbuden und in die Universitäten und Hochschulen.

Der belgische Biostatistiker Geert Molenberghs (UHasselt, KU Löwen) fühlt sich in seiner Empfehlung, die Gastronomie in unserem Land zu schließen, bestätigt: „Wir haben gesehen, dass viele Menschen, die sich vorher in der Gastronomie aufgehalten haben, sehr oft danach infiziert waren. Dies ist zwar kein Beweis, doch es ist eine Evidenz, die in die selbe Richtung geht, nämlich dass die Gastronomie leider ein bevorzugter Ort für die Verbreitung ist.“ Molenberghs basiert seine Aussagen auch auf Basis der Angaben der Kontaktverfolgung in Belgien.

Und die Gastronomieverbände?

Die Gastronomie will sich dem nicht beugen und ist der Ansicht, dass sich das Coronavirus in allen Innenräumen verbreitet, also auch am Arbeitsplatz, in Sporteinrichtungen und bei den Menschen zu Hause. „Die richtige Entscheidung war eigentlich, die Zahl der Kontakte der Leute zu beschränken“, sagt Matthias De Caluwe vom flämischen Gastronomieverband Horeca Vlaanderen.

De Caluwe ruft Politik und Wissenschaft gegenüber VRT NWS dazu auf, sich nicht nur an ausländischen Studien zu orientieren, sondern eigene Studien im Inland durchzuführen: „Ich glaube, dass es wichtig ist, dass auch in Belgien gesammelte Zahlen analysiert werden. Diese sollten dann auch wöchentlich veröffentlicht werden, damit die ganze Bevölkerung sensibilisiert werden kann.

Perspektiven gefordert

Horeca Vlaanderen weist darauf hin, dass die hiesigen Gastronomen mit Protokollen und eigenen Maßnahmen arbeiten (z.B. eingeschränkte Gästezahl, Mundmaskenpflicht bei Bewegungen in den Lokalen und bei der Bedienung der Kunden, Abstände zwischen den Tischen usw…), die dabei geholfen haben, eine Lockerung nach dem ersten Lockdown zu ermöglichen.

Deutliche Regelungen und auf wissenschaftliche Erhebungen im eigenen Land basierende Erkenntnisse von Seiten von Politik und Behörden sollen dabei helfen, der Gastronomie bei einer erneuten Wiedereröffnung unter die Arme greifen, so Matthias De Caluwe: „Wir wollen nicht der Jo-Jo der Gesellschaft sein: offen, zu, offen, zu… Das ist wirtschaftlich nicht gut und wiegt auch mental auf die Gastronomen. Auch sie fragen nach nachhaltigen Regeln, um ihre Unternehmen unter diesen Umständen zu betreiben.“

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