Tagelang im Pyjama, zehn Tage ohne Wasser: erschütternder Bericht von Amnesty International über Seniorenheime in der Corona-Krise

Von fehlenden Basisschutzregeln über soziale Isolation bis hin zu Vernachlässigung: Die Menschenrechte der Bewohner in den belgischen Pflegeeinrichtungen sind während der Corona-Krise schwer verletzt worden. Dies geht aus einer Untersuchung der Menschenrechtsorganisation Amnesty International hervor, die von Mitte März bis Ende Oktober geführt wurde. 

Dem Bericht zufolge hat die Regierung zu spät und falsch reagiert und dadurch gegen die Grundrechte der Bewohner in den Senioren- und Pflegeheimen verstoßen.

Aus den Gesprächen geht hervor, dass die Seniorenheime unzureichend auf die Pandemie vorbereitet waren. Es gab zwar ein Handbuch über den Umgang mit Infektionskrankheiten, aber kein fertiges Protokoll für einen plötzlichen Ausbruch, wie z. B. die COVID-19-Pandemie. 

Recht auf Gesundheitspflege verletzt

Bis August waren praktisch keine Testkapazitäten für das Personal vorhanden. Für das Pflegepersonal fehlte eine angemessene Schutzausrüstung. "Wenn nicht nachgewiesen wurde, dass die Bewohner COVID hatten, durften wir die Schutzausrüstung nicht benutzen. Aber wir konnten es nicht beweisen, weil wir nicht testen konnten", beschrieb Geert Polfliet, Direktor eines Pflegeheims, die Lage.

Laut Amnesty International verletzt dies das Recht der Bewohner auf Gesundheit.

Maxime Anciaux - All rights reserved

In der Untersuchung fand die Menschrechtsorganisation auch heraus, dass kranke Bewohner nicht immer in ein Krankenhaus eingewiesen wurden. Nach Angaben von Ärzte ohne Grenzen konnten während der Corona-Krise nur 57 Prozent der schwerkranken Bewohner in ein Krankenhaus verlegt werden, verglichen mit 86 Prozent vorher.  Die Bewohner von Heimpflegezentren erhielte also nicht die bestmögliche Versorgung. Dem Bericht zufolge starben einige ältere Menschen infolgedessen vorzeitig.

Tagelang im Pyjama

Wegen der zusätzlichen medizinischen Aufgaben, die das Pflegepersonal im Heim übernehmen musste, blieb nur wenig Zeit für die tägliche Hygiene, für soziale Kontakte und Mahlzeiten. Die Angehörigen mussten zusehen: “Ich habe meinen Mann verhungern sehen. Als ich meine Bedenken mitteilte, sagte eine Betreuerin: "Wir können nicht jeden Bewohner jeden Tag persönlich ernähren.”

“Den Bewohnern wurde nicht die nötige Pflege zuteil", betont Anne Claeys von Amnesty International. "Manche Bewohner blieben tagelang im Schlafanzug, wurden nicht gewaschen und erhielten die falschen Medikamente. Wir haben sogar 2 Fälle dokumentiert, in denen diese Vernachlässigung zum Tod geführt haben könnte. In einem Fall soll ein Bewohner eineinhalb Wochen kein Wasser bekommen haben.”

Diese Dame sei an Dehydrierung gestorben, sagt Claeys. "Verwandte, die zu Besuch kommen, helfen manchmal mit und passen auf. Das war während der Ausgangssperre leider nicht der Fall.”

Schwer zu verkraften

Nicht nur körperlich, sondern auch psychisch war die Corona-Krise eine schlimme Zeit. Das Besuchsverbot und die soziale Isolation wiegen auf das Gemüt der älteren Menschen. "Jemand sagte uns, ich habe meine Mutter in den letzten 5 Monaten mehr weinen sehen als in den letzten 50 Jahren", zitiert Claeys aus dem Bericht.

Notwendigkeit einer kohärenten Politik und menschenwürdiger Pflege

Aufgrund seines Berichts fordert Amnesty International klare Maßnahmen, um das Recht der Bewohner von Pflegeheimen nach den höchsten Pflegestandards zu gewährleisten. So sollen Pflegeheime vorrangig Zugang zu Tests, Schutzmitteln und zur Krankenhausversorgung bekommen.

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