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Langsam sinkende Zahlen beunruhigen: "Bei diesem Tempo erst Ende Januar eine Lockerung“

Die Zahl der Corona-Neuinfektionen in unserem Land sinkt zu langsam, findet der Professor für Allgemeinmedizin an der Freien Universität Brüssel (VUB), Dirk Devroey. Nach seinen Worten brauchen wir bei diesem Tempo immer noch mindestens 7 Wochen, um bei 800 Infektionen pro Tag zu landen. Das ist einer der Schwellenwerte, die die Regierung verwendet, um eine Lockerung der Corona-Maßnahmen beschliessen zu können. "Wenn wir jetzt lockern, werden wir diese Schwelle nie erreichen."

Heute liegt der Zähler bei durchschnittlich 2.172 Neuinfektionen pro Tag, 13 Prozent weniger als eine Woche zuvor. Das ist, nach einigen Wochen des steilen Rückgangs, eine deutliche Verlangsamung. Dies bestätigt auch der Virologe Marc Van Ranst (KU Leuven): "Wenn man sich die neueren Zahlen ansieht, verlangsamt sich der Rückgang. In einigen flämischen Provinzen liegt die Reproduktionsrate (die angibt, wie viele Menschen eine infizierte Person infizieren, Anm. d. Red.) nahe bei oder knapp über 1."

Laut Medizinprofessor Dirk Devroey (VUB) verläuft der Rückgang der Zahl der Neuinfektionen langsamer, als man das erwarten könnte. Erst Mitte Januar wird so das gesteckte Ziel erreicht . Ein von der Regierung verwendeter Schwellenwert ist ein Maximum von 800 Infektionen pro Tag während zwei Wochen. Und dann müssen die strengen Corona-Richtlinien noch drei Wochen lang weiter gelten, kündigte Belgiens Gesundheitsminister Vandenbroucke letzte Woche an. Die Zahl der Krankenhauseinweisungen muss ebenfalls unter 75 pro Tag bleiben, und beide Zahlen müssen sich im Abwärtstrend befinden.

"Ein Rückgang um 13 Prozent pro Woche bedeutet, dass wir noch 7 Wochen brauchen werden, um diese 800 zu erreichen", sagt Devroey. Das bedeutet also, dass wir frühestens Ende Januar an diesem Punkt landen werden. "Wenn wir also für weitere drei Wochen unter 800 fallen müssen, wird es sehr lange dauern, bis wir von Lockerungen sprechen können.“

Déjà-vu

Im französischsprachigen Belgien wird auf Regierungsebene inzwischen wieder diskutiert, ob eine Lockerung der Maßnahmen über Weihnachten nicht angebracht wären. Darüber kann Devroey nur staunen. "Wenn wir jetzt eine solche Lockerung beschließen, erreichen wir die 800 nie. Und sowieso würde der Druck auf die Krankenhäuser wieder zunehmen, während noch immer mehr als 3.000 Coronapatienten in den Krankenhäusern liegen und die Hälfte der Intensivbetten in Brüssel immer noch belegt sind. Dann ist es unverantwortlich, jetzt von Lockerungen zu phantasieren".

Van Ranst stimmt dem zu. "Im gegenwärtigen epidemiologischen Klima gibt es keinen Raum für Flexibilität. Es wurden Vereinbarungen getroffen, die Mitte Januar überprüft werden. Ich glaube,  die Virologen haben ein bisschen ein Déjà-vu, denn genau wie bei der ersten Welle, wird wegen der fallenden Infektionszahlen der Ruf nach Flexibilität wieder lauter".

Ich glaube, jetzt mache ich den Menschen falsche Hoffnungen, wenn ich ankündigen würde, dass vor Weihnachten Lockerungen möglich sind. Ich halte das nicht für klug
Jan Jambon (N-VA), flämischer Ministerpräsident

Warum die Verlangsamung des Rückgangs der Neuinfektionen?

Wie kommt es, dass sich die Infektionsraten jetzt verlangsamen und die Reproduktionsrate wieder steigt? Ein Element könnte die Anpassung der Teststrategie sein, meint Van Ranst. "Wir testen seit einigen Wochen auch wieder Menschen ohne Symptome."

Aber er deutet an, dass auch der Optimismus bezüglich der Impfstoffe eine Rolle spielen könnte. "Als ob die Ankündigung dieser Impfstoffe dazu geführt hätte, dass viele Menschen sich weniger streng an die Richtlinien halten. Das wäre wirklich unangebracht".

Devroey sieht noch einen weiteren Grund. "Wahrscheinlich gehört dazu auch der Neustart der Schulen, denn wir sehen, dass sich die Jugendlichen wieder infizieren. Ich habe das Gefühl, dass die Regierung jetzt auf die Prüfungszeit und dier Weihnachtsferien hofft, ein paar Wochen, in denen sich die Jugendlichen weniger treffen".

Halbherziger Lockdown

"Ich befürchte auch das Schlimmste wegen der Einkaufswochenenden, die jetzt anstehen. Die könnten sich ebenfalls nachteilig auf die Zahlen auswirken", befürchtet Professor Devroey. "Denn auch wenn diese Menschen auf der Straße den Maßnahmen gerecht werden, müssen sie dennoch mit Bus, Straßenbahn und U-Bahn an ihr Ziel gelangen, und dort sind sie vielleicht näher beieinander".

Devroey selbst hatte sich immer für einen kurzen, aber viel strengeren Lockdown ausgesprochen. "Eigentlich handelt es sich jetzt um einen halbherzigen Lockdown, wenn man das mit der Situation im vergangenen März vergleicht. Dann sah man keinen Verkehr, keine Menschen in der Stadt. Jetzt ist es anders. Aber das verlangsamt natürlich den Heilungsprozess. Ich fürchte, dass es noch lange dauern wird, bis wir die Pandemie besiegt haben.“

Auch der flämische Ministerpräsident Jan Jambon (N-VA) hält es nicht für eine gute Idee, die Corona-Maßnahmen jetzt zu lockern. Laut Jambon wäre das die falsche Entscheidung, da die Coronazahlen noch nicht ausreichend gesunken sind. "Ich glaube, jetzt mache ich den Menschen falsche Hoffnungen, wenn ich ankündigen würde, dass vor Weihnachten Lockerungen möglich sind. Ich halte das nicht für klug".

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