Trotz Corona: noch über 200 Verkehrstote in Flandern und Brüssel

Sogar in einem Jahr, in dem die Homeoffice-Pflicht den Autoverkehr sichtbar abbremste, sind in Flandern und Brüssel noch über 200 Menschen im Straßenverkehr zu Tode gekommen. In 4 von 10 Fällen handelte es sich bei der Unfallursache um Selbstverschulden. Die “VRT NWS”-Redaktion hat die Zahlen über tödliche Verkehrsunfälle bis dato umfassend analysiert. 

Aus den Daten der ersten neun Monate geht hervor, dass in diesem Corona-Jahr weniger Verkehrstote gefallen sind. Das zeigt auch das Verkehrssicherheitsbarometer des Vias-Instituts an: Bis Ende September ist die Anzahl der Verkehrstoten um 16 Prozent gesunken. Vermutlich wird der Rückgang für das Gesamtjahr noch größer ausfallen. Aber das kann nur bestätigt werden, wenn die offiziellen Zahlen vorliegen. 

Haben sich die Corona-Maßnahmen auf den Verkehr ausgewirkt? Aus den Analysen der Vrt-Redaktion bis November geht hervor, dass im Oktober, April und November die wenigsten Verkehrstoten gezählt wurden (im Schnitt weniger als 0,5 Verkehrstote pro Tag). In diesen drei Lockdown-Monaten war es verboten, sich aus nicht triftigen Gründen an Steuer zu setzen. Weniger Verkehr hat zu weniger Todesfällen geführt. 

Foto: Belga

Ohne Corona wären 2020 mehr Verkehrstote gefallen, befürchtet Stef Willems von Vias: "In den ersten drei Monaten zählten wir bereits mehr Verkehrstote als im selben Zeitraum 2019. Und auch im September, als die Lockdown-Maßnahmen aufgehoben waren, gab es diesen Anstieg. Es ist gut möglich, dass wir ohne Corona mehr Todesfälle gehabt hätten als 2019, das auch schon ein schlechteres Jahr als 2018 war.”

Nicht so im September, als die Normalität wieder zurückkehrte. "Der September 2020 war noch tödlicher als der September 2019", stellt Stef Willems fest "Das Wetter war sehr schön und viele Leute waren unterwegs. Zu Fuß, mit dem Fahrrad oder mit dem Auto. Die späte Hitzewelle hat sicher eine Rolle gespielt. Es gibt Untersuchungen, die zeigen, dass während einer Hitzewelle mehr Unfälle geschehen. Weil man von mehr Hitzewellen in den nächsten Jahren ausgeht, müssen strukturelle Maßnahmen zur Vermeidung von Verkehrsunfällen ergriffen werden". 

Tödlicher Kontrollverlust

Foto: Radio 2

In fast 4 von 10 Fällen war kein anderer Verkehrsteilnehmer in den Unfall verwickelt. Fahrer, die in einer Kurve die Kontrolle verloren haben, die gegen einen Baum oder eine Hauswand geprallt sind oder in einem Graben landeten …  Bei Autounfällen passiert sogar jeder zweite Unfall ohne dass ein anderes Fahrzeug beteiligt gewesen wäre. Stef Willems glaubt, dass viele noch zu oft denken, dass sie Superman am Steuer seien. Dass sie immer noch perfekt fahren könnten, wenn sie zu viel getrunken haben, eine SMS schreiben oder nur 10 km/h zu schnell fahren: “Aber nichts ist weniger wahr. Wir verlieren die Kontrolle schneller als wir denken." 

Auch bei den Radfahrern steigt die Zahl der selbst verschuldeten Unfälle: "In zehn Jahren ist die Zahl von 23 auf 34 Prozent gestiegen. Das liegt zum einen daran, dass die Bevölkerung älter wird, und zum anderen daran, dass mehr Menschen ein Elektrofahrrad nutzen. Das fährt schneller, was zu schwereren Verletzungen führt. Bei älteren Opfern können die Verletzungen tödlich enden. Der Anteil der über 80-Jährigen bei tödlichen Fahrradunfällen hat sich in zehn Jahren verdoppelt."

Warum verlieren Menschen die Kontrolle am Steuer?

Aus der Vias-Analyse geht hervor, dass es bei 14 Unfällen um überhöhte Geschwindigkeit ging, 8 Fahrer hatten Drogen konsumiert, 7 ein Überholmanöver missachtet und 4 getrunken. 3 Verkehrstote waren nicht angeschnallt. Willems vermutet auch, dass wohl mehr Unfälle auf Alkohol- oder Drogeneinfluss zurückzuführen seien, wenn diese eventuelle Ursache systematisch untersucht würde. 

Vor allem Männer unter den Todesopfern

165 der 211 Verkehrstoten oder vier von fünf Verkehrstoten, die das Verkehrsinstitut in Flandern und Brüssel bislang 2020 gezählt hat, waren Männer. Das Verhältnis entspricht der Verkehrsstudien im In- und Ausland: Frauen sind seltener in schwere Unfälle verwickelt als Männer. Das liegt laut Vias Institut daran, dass Männer mehr Kilometer fahren und Frauen weniger Risiken eingehen und sich verantwortungs- und rücksichtsvoller verhalten. Männer würden ihre Fehler eher relativieren und seien sich der Gefahr im Straßenverkehr weniger bewusst. 

Auch bei den Verkehrstoten zeigt sich, dass sie relativ jung sind. Das Durchschnittsalter der Opfer, über die die Vrt-Redaktion mehr erfahren konnte, liegt bei 45 Jahren. Die 30- und 20-Jährigen stellen die größte Gruppe dar, gefolgt von den 60-Jährigen. 5 der 211 Todesopfer waren minderjährig. 

Am häufigsten verunglücken Autofahrer und Radfahrer tödlich

Die meisten Todesopfer sind mit dem Auto verunglückt (38 %), gefolgt von Fahrrädern, Liegerädern und Speed Pedelecs (24 %), Mopeds und Motorrädern (12 %) sowie Lkw (7 %). 9,5 % der zu Tode gekommenen Verkehrsteilnehmer waren Fußgänger. Im Vergleich zu 2019 geht die Zahl der tödlichen Unfälle bei Auto- und Motorradfahrern zurück. Allerdings steigt sie bei Fußgängern und insbesondere Radfahrern. Für Radfahrer war es der tödlichste Sommer der letzten sechs Jahre, denn im Juli, August und September starb alle fünf Tage ein Radfahrer in Flandern und Brüssel. 

Meist gelesen auf VRT Nachrichten