Mehr als 20.000 Corona-Tote in Belgien: Wer sind die Opfer? Ist Belgien Schlusslicht in Europa?

Das Corona-Virus schlägt weiterhin erbarmungslos zu. In weniger als einem Jahr sind bereits 20.038 Menschen in Belgien an oder mit Corona gestorben. Wer sind die Opfer? Gibt es Unterschiede zwischen der ersten und zweiten Welle? Sind diese Menschen tatsächlich an Covid-19 gestorben? Und schneidet Belgien im Vergleich zu anderen Ländern immer noch so schlecht ab? Eine Übersicht der VRT-Nachrichtenredaktion in sechs Fragen und Antworten. 

Mehr als 4 von 5 Toten sind über 75 Jahre

Schon zu Beginn der Epidemie zeigte sich, dass das Corona-Virus vor allem bei älteren Menschen über 65 Jahren schwere Komplikationen verursachen kann. Das spiegelt sich auch in den Sterberaten wider. 

Von allen Landsleuten, die bisher an Corona gestorben sind, sind mehr als 80 Prozent (16.295 Tote) älter als 75 Jahre. Etwas mehr als die Hälfte ist sogar älter als 85 Jahre (10.567 Todesfälle). (Beide Zahlen beruhen auf den Statistiken vom 8. Januar, Anm. d. Red.)    

Aber auch jüngere oder auf den ersten Blick völlig gesunde Menschen bleiben nicht von den tödlichen Folgen verschont. Warum das so ist, ist noch nicht unklar. 

In Belgien sind bisher 8 Patienten verstorben, die jünger als 25 Jahre waren. Vier von ihnen starben in dieser zweiten Welle (Ende September bis jetzt, Anm. d. Red.). Insgesamt starben auch 85 Menschen zwischen 25 und 44 Jahren an den Folgen der Corona-Infektion, davon 41 während der zweiten Welle. 

Es gibt einen klaren Unterschied zwischen Flandern, Brüssel und der Wallonie. 

Die meisten Corona-Tote sind in Flandern gefallen (49,6 Prozent oder 9.830 Todesfälle), gefolgt von der Wallonie (37,2 Prozent oder 7.385 Todesfälle) und Brüssel (13,2 Prozent oder 2.612 Todesfälle). 

Diese Prozentsätze bleiben ziemlich konstant, wenn nur die Zahlen für die zweite Welle in Betracht kommen und davon ausgegangen wird, dass die zweite Welle in der Woche vom 28. September begann. In der zweiten Welle kamen 49,6 % der Todesfälle aus Flandern, 39,7 % aus der Wallonie und 10,7 % aus Brüssel. 

Dennoch müssen diese Zahlen nuanciert werden, sagt Brecht Devleesschauwer, Epidemiologe bei Sciensano, dem belgischen Institut für die Volksgesundheit: "Flandern hat mit über 6 Millionen Einwohnern die meisten Einwohner des Landes. Dort werden in absoluten Zahlen also die meisten Corona-Todesfälle registriert. Vergleicht man aber die Todesfälle pro 100.000 Einwohner, ergibt sich ein ganz anderes Bild und verzeichnet Flandern die wenigsten Todesfälle während der gesamten Epidemie.” 

Rein rechnerisch zählt Flandern etwa 150 Corona-Todesfälle pro 100.000 Einwohner. In der Wallonie sind es etwa 200 und in Brüssel 215 pro 100.000 Einwohner. 

Die Grafik zeigt auch, dass die Kurve der Todesfälle pro Woche in Flandern während der zweiten Welle viel weniger schnell sinkt als in der Wallonie. 

Was unterscheidet die erste Welle von der zweiten, und warum?

Am 8. April, dem Höhepunkt der ersten Welle, starben 322 Corona-Patienten. Auch in den folgenden Tagen starben jeden Tag etwa 250 bis 300 Patienten. Der Höhepunkt der Todesfälle während der beiden Wellen trat am 10. November ein. An diesem Tag starben 218 Menschen mit oder an Corona. Fast 100 weniger als auf dem Höhepunkt der ersten Welle.  

Die Zahl der Todesfälle ging während der ersten Welle viel schneller zurück. Am 8. Juni, zwei Monate nach dem ersten Höhepunkt, starben "nur" mehr 9 Menschen an oder mit Corona. Heute, fast zwei Monate nach dem Höhepunkt der zweiten Welle, sterben immer noch durchschnittlich 60 Menschen pro Tag. 

Biostatistiker Geert Molenberghs von der UHasselt und KU Leuven (Foto unten) weist auf die völlig unterschiedlichen Umstände hin: Die erste Welle kam durch normale zwischenmenschliche Kontakte zustande, bevor am 18. März eine drastische Ausgangssperre verhängt wurde. 

Nicolas Maeterlinck

"Wir sind von einem Extrem ins andere gefallen: von der Normalität in den totalen Lockdown. Das war bei der zweiten Welle nicht der Fall, denn der Lockdown war viel milder, wie man an den Mobilitätsdaten von Google erkennen kann." Haben wir im Herbst besser abgeschnitten? 

Ist die zweite Welle günstiger verlaufen?

Belgienweit wurden bisher rund 660.000 bestätigte Corona-Infektionen registriert. Etwa 3 Prozent der infizierten Patienten sind gestorben.  

Um die erste und zweite Welle akkurat vergleichen zu können, müssen auch die Infektionsraten einbezogen und mit der Anzahl der Todesfälle verglichen werden. Die Berechnung dieser genauen Zahlen wird derzeit von einer Gruppe von Experten durchgeführt. 

Über 20.000 Corona-Tote: Was bedeutet das für Belgien?

Patrick Deboosere, Professor für Demographie an der VUB (Foto unten), hält sich lieber an die Übersterblichkeitsrate, um sich über die Todeszahlen auszusprechen. "Die vollständigen Zahlen für 2020 sind noch nicht verfügbar, aber wir sehen, dass wir Ende 2020 eine Übersterblichkeit von mehr als 15.000 Toten haben werden, als für 2020 erwartet.Wir können also sagen, dass diese Menschen nicht gestorben wären, hätte es keinen COVID-19-Ausbruch gegeben." 

Ist Belgien im europäischen Vergleich tatsächlich ein Schlusslicht?

Belgien steht immer noch fast ganz oben auf der Liste der Länder mit den meisten Corona-Toten pro 100.000 Einwohner. Nur San Marino schneidet noch schlechter ab. Auch Slowenien, Italien und Bosnien-Herzegowina befinden sich unter den fünft am meisten betroffenen Ländern. 

Patrick Deboosere findet, dass man Belgien nicht mit den anderen Ländern vergleichen kann: "Wir haben uns streng an die Regeln der Weltgesundheitsorganisation (WHO) gehalten so wie Frankreich und Schweden. Diese drei Länder haben die zuverlässigsten Statistiken. Der Vergleich mit Ländern wie Italien, Spanien oder auch den Niederlanden ist schwieriger."  

Geert Molenberghs: "In den Niederlanden sind nur 50 bis 55 Prozent der  Corona-Todesfälle als solche registriert worden, bei uns dagegen 100 Prozent. Werden nur die mit einem PCR-Test bestätigten Fälle oder auch die wahrscheinlichen Corona-Fälle registriert? In der ersten Welle hat diese Vorgehensweise große Unterschiede in den Statistiken ergeben. In Belgien wurden auch die Verdachtsfälle mit einbezogen, in Spanien z. B. nicht. Während der ersten Welle sind besonders viele Menschen in den Pflegeheimen gestorben ..." 

Hätten auch andere Länder die Corona-Todesfälle wie in Belgien gezählt, käme Belgien in Europa während der ersten Welle erst nach Italien, Spanien und Großbritannien. 

Mit anderen Worten: Viele andere Länder haben die Zahl der Corona-Todesfälle zu niedrig angegeben, Belgien nicht. Deboosere: "Es stimmt natürlich, dass Belgien sehr hart getroffen wurde, wobei man aber auch andere entscheidende Faktoren betrachten muss. Dicht besiedelt liegt Belgien mitten in Europa und ist ein Transitland. Man sollte Belgien also besser mit Metropolregionen vergleichen als mit Ländern. Verglichen mit beispielsweise Paris sind die Zahlen ziemlich ähnlich. “ 

Geert Molenberghs fügt hinzu: "Wenn wir Belgien mit dem Staat New York vergleichen, stellen wir fest, dass es dort pro Kopf etwa doppelt so viele Todesfälle gab wie in Belgien." 

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