Diskussion um Öffnung oder Schließung der Grenzen: Wie durchlässig sind die Corona-Kontrollen bei der Einreise?

Zurzeit wird heftig über strengere Corona-Maßnahmen und insbesondere verschärfte Kontrollen an den Grenzen diskutiert. Die Mehrheit der Rückkehrer aus einer roten Zone im Ausland wird bei der Einreise nicht einmal getestet. Die VRT-NWS-Redaktion hat mehr in Erfahrung gebracht.

Die Schlupflöcher bei den Kontrollen der Reiserückkehrer sind enorm. 41 Prozent der Reiserückkehrer lassen sich nicht auf Corona testen und ein Teil hält sich auch nicht an die Quarantänemaßnahmen. Das Risiko, bestraft zu werden, ist gering. 

Ein paar Zahlen zur Veranschaulichung: In der Woche vom 4. bis 11. Januar haben 78.345 Personen das sogenannte Passenger Location Form (PLF) ausgefüllt. Dieses Formular ist von allen auszufüllen, die nach Belgien einreisen, nachdem sie sich wenigstens 48 Stunden im Ausland aufgehalten haben. Anhand der Daten wird klar, ob eine Person aus einer roten Zone kommt, sich testen lassen und, bis zum zweiten Test, in Quarantäne muss. 

Von den Personen, die zwischen dem 4. und 11. Januar ein PLF ausgefüllt haben, kamen 67.781 aus einer roten Zone. Von den 36.356 testpflichtigen Personen, haben sich 58,9 Prozent tatsächlich testen lassen. Mehr als vierzig Prozent gehen jedoch nicht zu einem Test-Zentrum, so die Zahlen der Gesundheitsbehörde Sciensano. 

Die Grenzen des PLF-Systems werden damit deutlich: Jeder, der die Regeln umgehen will, tut das. 

Zu wenig Kontrollen

Es mangelt auch an Kontrollen der Reiserückkehrer. Nachfragen bei der belgischen Polizei ergaben, dass in der ersten Woche dieses Jahres - also noch während der Weihnachtsferien - etwa 50.000 Personen kontrolliert wurden. 132 kontrollierte Reiserückkehrer waren nicht im Besitz ihres PLF waren oder konnten (bei einreisenden Ausländern) kein negatives Corona-Zertifikat vorlegen. 

Zwischen dem 11. und 17. Januar kontrollierte die Bundespolizei 45.407 Personen an der Grenze - sowohl an Flughäfen, Bahnhöfen als auch auf der Straße. Davon hatten sich 162 Personen nicht an die Einweisung gehalten. 

Eine geringe Anzahl Verstöße also und, wie es auf den ersten Blick scheint, eher positiv, wie Innenministerin Annelies Verlinden (CD&V) zu Beginn dieses Jahres sagte. Aber gibt es wirklich einen Grund zur Freude? 

Flughäfenkontrollen sind effizienter

Die überwiegende Mehrheit der Kontrollen wird an den Flughäfen durchgeführt wird. 80 % aller Reisenden, die über Zaventem nach Belgien zurückkehren, werden kontrolliert. Auf dem Flughafen von Charleroi sinkt diese Zahl auf fünfzig Prozent, aber auch bei diesem Prozentsatz bleibt eine Kontrolle durchaus realistisch. 

Wer ungestört nach Belgien einreisen will, sollte das Auto wählen. Im Straßenverkehr wird weitaus weniger kontrolliert. (Die genauen Zahlen müssen von der Bundespolizei noch vorgelegt werden.)  

Das gilt auch für die Bahnhöfe, obwohl die Kontrollen dort verschärft wurden. Brüssel-Midi - mit dem Eurostar aus London - ist ein wichtiges Eingangstor für die britische Variante des Virus.

Eine Stichprobe, die der Virologe Marc Van Ranst in Zaventem, Charleroi und Brüssel-Midi genommen hat, ergab, dass etwa 69 Prozent der mit der britischen Variante kontaminierten Proben in Brüssel-Midi genommen wurden, verglichen mit etwa 12 Prozent in Zaventem und 20 Prozent in Charleroi. 

Keine Sicht auf das Problem der Reiserückkehrer insgesamt

Auch die Einhaltung der Quarantäne entzieht sich weitestgehend der Kontrolle. Wer unter Quarantäne steht, kann im Prinzip von der Polizei in seiner Gemeinde kontrolliert werden. 

Seit letzter Woche stellt die flämische Regierung den Bürgermeistern die Rückkehrerdaten aus dem PLF zur Verfügung. Aber nicht jeder hat das Protokoll zur Nutzung dieser Daten unterzeichnet.   

Niemand weiß zurzeit genau, wer von einer Reise aus einer roten Zone zurückgekehrt ist, wer sich vorschriftsmäßig hat testen lassen und in Quarantäne gegangen ist.

Virologe Van Ranst plädiert für Testpflicht

Marc Van Ranst glaubt, dass in der Tat Maßnahmen notwendig sind, wie z. B. ein obligatorischer Test für Einreisende. "Unverbindlich testen, das funktioniert nicht. Sofern die Testpflicht sich nicht durchsetzt, werden wir ein Remake vom Februar 2020 erleben, als die Rückkehrer aus dem Skiurlaub das Virus mitbrachten. Wenn wir nicht aufpassen, passiert uns das auch in diesem Jahr.  Große Hoffnung, dass es diesmal anders abläuft, habe ich nicht. Siehe Rückkehrer aus den Sommerferien, Herbstferien und Weihnachtsferien." 

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