Vor rund 100 Jahren wurde auch einmal das belgische Parlament in Brüssel gestürmt

Letzter Höhepunkt der Präsidentschaft von Donald Trump war wohl die Erstürmung des Capitols in der US-Hauptstadt Washington durch dessen Anhänger. Vor knapp 100 Jahren, Ende Juli 1920, wurde auch einmal das belgische Parlament in Brüssel gestürmt. Damals protestierten Veteranen aus dem Ersten Weltkrieg gegen einen Gesetzesentwurf zu deren Entschädigungen, die ihrer Ansicht nach nur ein bitteres und beleidigendes Almosen waren. Aufgebracht stürmten einige von ihnen das Parlament.

Am 29. Juli 1920, an einem Donnerstag, strömen tausende Weltkriegsveteranen in das Regierungsviertel in Brüssel. An diesem Tag wird in der Ersten Kammer des belgischen Parlaments über einen Gesetzesentwurf zur Vergütung der Soldaten, die am Ersten Weltkrieg teilgenommen haben, entschieden. Doch die Veteranen halten die Summen, die darin vorgesehen werden, für ein Almosen und für eine Beleidigung. Die Veteranenverbände im ganzen Land haben den Vorschlag bereits rundweg abgelehnt.

Jetzt sind die Veteranen nach Brüssel gekommen, trotz Aufrufe ihrer Verbände, ruhig zu bleiben. Die ehemaligen Soldaten aber wollen die Abstimmung verhindern oder sich sicher sein, dass der Gesetzesvorschlag abgelehnt wird. Und sie wollen ihrer Forderung nach einer Entschädigung, die ihren Erwartungen gerecht wird, Nachdruck verleihen.

Rasch stehen sie vor dem Parlament, genauer vor dem Palast der Nationen, in dem die beiden Kammern des Hauses angesiedelt sind. Gegen 4 Uhr am Nachmittag läuft die Demonstration der Veteranen aus dem Ruder. Die vor dem Gebäude stehenden Gerichtsvollzieher und Soldaten können die aufgebrachten Veteranen nicht zurückhalten und diese stürmen das Parlament.

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Ein Veteranentreffen in Watermael-Boitsfort bei Brüssel ein Monat vor dem Sturm aufs Parlament

Entschädigung für 4 bis 5 Jahre Entbehrungen für das Vaterland

Die belgischen Soldaten, die nach 4 oder 5 Jahren Krieg und teilweise nach Kriegsgefangenschaft in Deutschland oder Flucht und Rückzug nach Frankreich, Holland oder Großbritannien nach Hause kamen, hatten all diese Zeit in gefährlichen, gesundheitsschädlichen und menschenunwürdigen Situationen gelebt. Viele unter ihnen waren verletzt oder teilweise schwer kriegsgeschädigt und sowohl körperlich, als auch mental völlig ausgelaugt. Und sie haben in dieser Zeit weder Kontakt zu ihren Familien gehabt und auch nicht arbeiten können. Sie hatten also 4 bis 5 Jahre lang kein Geld verdient.

Ihr Sold war keiner Rede wert. Sie bekamen pro Tag noch nicht einmal das, was ein ungelernter Bauarbeiter 1914 in der Stunde verdiente. Nicht zuletzt war nach dem Krieg in Belgien alles teurer geworden. Nicht wenige Unkosten hatten sich seit Kriegsbeginn 1914 glatt verfünffacht.

Die Veteranen und ihre Verbände verlangten eigentlich nichts unmögliches. Sie hatten ihre Pflicht getan und ihrem Land in schwierigsten Zeiten aufopferungsvoll gedient. Jetzt wollten sie nichts mehr und nichts weniger als eine vernünftige finanzielle Kompensation für ihren Einsatz, denn mit Orden und militärischen Ehren konnten sie sich und ihren Familien nichts zu essen kaufen.

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Aus dem Großen Krieg heimkehrende belgische Soldaten in Gent

Schwache Regierung(en)

Sowohl die Regierung der nationalen Einheit, die nach Kriegsende 1914 eingesetzt wurde, als auch deren Nachfolgerin, die 1919 im Zuge des allgemeinen Wahlrechts (für Männer) in Belgien gebildet wurde, wurden dem Thema Entschädigung und Umgang mit den zurückkehrenden Veteranen nicht wirklich gerecht. Die Prämien, die damals gezahlt wurden, lagen noch immer unter den Löhnen der Bauarbeiter, die diese 1914 verdienten. Und eine Einmalzahlung von 200 belgischen Franken für den Ankauf von neuen Kleidungsstücken war eher ein Tropfen auf dem heißen Stein. Oder doch eher der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte?

1919 wurden der belgische Veteranenverband NSB und der flämische Veteranenverband VOS gegründet. Diese Verbände setzten sich zum Ziel, vernünftige Kompensationen für ihre Mitglieder zu erreichen. Sie versuchten auch, für die ehemaligen Soldaten Arbeit im kriegszerstörten Belgien zu finden, was sehr schwierig war. Deshalb verlangten sie vom Staat, dass dieser Arbeitsplätze z.B. in der Verwaltung oder in nationalen Unternehmen - auch in den Provinzen und bei Städten und Gemeinden schaffen solle. Dies geschah auch bald, doch vor allem auf Gemeindeebene war das kein leichtes Unterfangen, da diese nach dem Krieg kaum (finanzielle) Mittel hatten, um zusätzliche Stellen zu schaffen.

Was den Veteranen und ihren Verbänden damals auch übel aufstieß, war die Tatsache, dass die Banken und die Bauern, die auch während des Krieges Geld scheffeln konnten, z.B. durch (schwarze) Geschäfte mit den deutschen Besatzern, zu den Kriegsgewinnern gehörten. „Die jubelnden Wucherer stapeln ihre Kriegsvermögen und ihre Nachkriegsgewinne“, hieß es damals in einem Veteranenmagazin. Auch bei der allgemeinen Vergütung der materiellen Kriegsschäden gingen die meisten Veteranen eher leer aus und hier wurde in erster Linie die Industrie bevorzugt, was für weiteren Verdruss sorgte: „Für die Zerstörung ist Geld da, warum nicht für uns?“ Bei einer ersten Veteranen-Demonstration im Juni 1919 lautete einer der Slogans: „Der Soldat hat seine Pflicht getan, dass die Regierung jetzt das selbe tut!“

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Die erste belgische Nachkriegsregierung unter Premierminister Léon Delacroix 1918

Hoher und träger Verwaltungsaufwand

Der Vorschlag der Regierung, Entschädigungen auf Basis des finanziellen Zustands und der Nöte eines jeden einzelnen Veteranen zu berechnen, war sehr umstritten. Kommissionen und entsprechende Ämter in den Gemeinden sollten über jeden Fall individuell entscheiden. Das hielten die ehemaligen Weltkriegssoldaten für erniedrigend und sie fanden es verwerflich, dass jeder seine Ansprüche auch noch selbst beweisen sollte. Mitglieder des nationalen Veteranenverbandes NSB füllten ihre Formulare mit folgendem Satz aus: „Wir haben nicht während 5 Jahren den Krieg mitgemacht, um danach unser Elend bloß zu stellen und um ihre Almosen zu betteln.“

Doch die 1919 aus den allgemeinen Parlamentswahlen entstandene neue Regierung hielt an ihren Plänen fest und einige Abgeordnete bezeichneten die Veteranen sogar als „geldsüchtig“. Doch unter den neuen Abgeordneten waren auch Kriegsveteranen und es lagen mehrere Gesetzesvorschläge vor, die den Forderungen der Ex-Soldaten mehr oder weniger entgegenkamen. Doch es wurde anders entschieden und es kam der Tag der Abstimmung.

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Erboste Veteranen vor dem Palast der Nationen

Der Sturm aufs belgische Parlament

Als die Veteranen am Tag der Abstimmung (29. Juli 1920) das Parlament stürmten, wobei einige Politiker auch einen Satz Ohrfeigen bekamen und wobei viele Abgeordnete und Regierungsmitglieder aus den Gebäuden flüchteten, sorgte dies für große Sorgen auch in der Bevölkerung, die dies mehrheitlich damals verurteilte.

Doch die Veteranen erreichten damit ihr Ziel. Sie bekamen ihre rechtmäßige Vergütung und die Regierung erkannte, dass sie sich geirrt hatte. Nur 6 Tage nach dem Sturm auf das Parlament wurde ein Gesetz verabschiedet, das jedem Veteranen einen festen Betrag zusprach, der auf Basis der Dienstzeit, des Ranges und der Aufgaben berechnet wurde. Auch wenn die letztendlich ausbezahlten Summen nur etwa halb so hoch waren, wie die eigentlichen Forderungen, waren die Veteranen zufrieden.

Eines stellten sie nach dem Ganzen klar: Sie hatten weder die Demokratie, noch das Königreich oder das Parlament an sich in Frage stellen wollen. Ihr Ziel waren die „tauben“ Regierungen der Jahre 1918 und 1919, die ihre Sorgen nicht erhören wollten. Noch am Abend des Sturms auf das Parlament senden die Veteranenverbände NSB und VOS ein Entschuldigungsschreiben an jene Abgeordnete, die Prügel hatten einstecken müssen. Die Gewalt hatte sich aber in Grenzen gehalten. Mutwillig zerstört wurde nichts, es gab kaum Verletzte und schon gar keine Toten. Diese aus dem Ruder gelaufene Demonstration war vielmehr eine deutliche Ablehnung der vorkriegsmäßigen und paternalistischen Form der Politik, die in dieser Form in der sich weiterentwickelnden Demokratie in Belgien seit dem auch nicht mehr geduldet wurde.

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Eher hilflose Polizisten stehen den Veteranen (im Sonntagsstaat) gegenüber...
Das belgische Parlament heute

Bannmeile um das Parlaments- und Regierungsviertel in Brüssel

Das belgische Parlament ist heute entsprechend einem Gesetz aus dem Jahr 1953 von einer Sicherheitszone umgeben - eine auch als Bannmeile bezeichnete Zone, die in Deutsch auch „befriedete Zone“ genannt wird. In diesem Bereich sind Veranstaltungen und Demonstrationen untersagt, insofern die Behörden keine Ausnahme genehmigen. Die Zone kann bei Bedarf von der belgischen Bundespolizei geschlossen werden, was z.B. bei bestimmten Demonstrationen der Fall ist.

Direkt vor dem Parlamentsgebäude befindet sich seit dem Sturm auf das Parlament eine Umzäunung, die permanent geschlossen ist. Diese hatte der damalige Bürgermeister von Brüssel, Adolphe Max, anbringen lassen, gleichzeitig reichte er einen Gesetzesvorschlag ein, über den um das Regierungsviertel herum eine Bannmeile eingerichtet werden sollte. Dieser Vorschlag wurde aber erst 1953 umgesetzt und in ein Gesetz gefasst.

Die Zugangskontrollen zu den Parlamentsgebäuden erfolgen heute sowohl elektronisch, als auch durch Sicherheitspersonal. Einige Gebäude werden auch von der belgischen Militärpolizei bewacht. Bestimmte Personen (z.B. Personal, Politiker und deren Mitarbeiter) verfügen über permanent gültige Zugangsausweise. Es können aber auch befristete Zugangsausweise ausgestellt werden. Besucher müssen einen Metalldetektor passieren. Alle Post- und Paketsendungen werden im Eingang einer Röntgenkontrolle unterzogen.

Kleine Geschichte am Rande: Die „Nadar“-Zäune

Wenn Polizei und Behörden in Brüssel davon ausgehen, dass es bei bestimmten Demonstrationen zu Ausschreitungen kommen könnte, wird das Regierungsviertel trotz Bannmeile quasi eingezäunt. Dazu werden hierzulande sogenannte „Nadar“-Zäune genutzt. Diese Barrieren bzw. deren Name haben eine ganz bestimmte Geschichte. Der französische Fotograf (und Autor, Zeichner, Journalist und Ballonfahrer) Gaspard-Félix Tournachon (1820-1910), genannt „Nadar“, war einer der ersten Fotografen überhaupt.

Der hatte sich im Laufe der Zeit auch auf Luftbilder spezialisiert und fertigte diese aus einem Heißluftballon (damals noch den Namen der Erfinder dieser Ballons, „Mongolfière“, tragend) heraus. Als „Nadar“ mit seinem Ballon am 26. September 1864 nach Brüssel kam, um dort Luftaufnahmen zu machen, strömte dort eine Menge zusammen, denn auch König Leopold I. war dabei zugegen.

Die Polizei wollte damals auf Nummer sicher gehen und baute Barrieren und Zäune auf, um den Start- und Landeplatz am Botanischen Garten in Brüssel, abzusperren. Nie vorher wurden so viele dieser Barrieren in der belgischen Hauptstadt aufgestellt und seither tragen diese Gitter den Namen „Nadar“-Gitter. Der Fotograf selber war sich untröstlich, dass ausgerechnet Absperrgitter seinen Namen verliehen bekamen… 

"Nadar" und sein Ballon über dem Botanischen Garten von Brüssel
Typische "Nadar"-Barrieren in der Brüsseler Nieuwstraat

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