Diskussion in Flandern: Corona und die Schulen - offen lassen oder schließen?

Im belgischen Bundesland Flandern werden immer mehr Schulen nach Corona-Ausbrüchen geschlossen. Auch wenn das derzeit nur wenige Dutzend von rund 4.000 flämischen Schulen betrifft, sind die Auswirkungen (Tests, Quarantäne) manchmal recht umfangreich. Während die einen fordern, die Schulen für einen bestimmten Zeitpunkt alle zu schließen, bleiben die anderen eher zurückhaltend. Flanderns Bildungsminister Ben Weyts (N-VA) hält am Präsenzunterricht fest, zumindest, solange dies möglich ist.

Der aus Belgien kommende Bildungsexperte der OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) Dirk Van Damme ist der Ansicht, dass die Schulen zum Schutz der Bevölkerung gegen das Coronavirus geschlossen werden sollten, zumindest zeitweise. Er verweist dabei auch auf Beispiele im Ausland, wo man zeitlich begrenzte Schulschließungen anwendet, um langfristige Schließungen zu vermeiden. „An vielen Orten auf der Welt wird auf eine andere Art und Weise mit dem Unterricht umgegangen, als bei uns. Das ist dann vielleicht nicht so effektiv, wie klassischer Unterricht, doch das sorgt dafür, dass der Lernrückstand beschränkt bleibt. Das Kernargument ist, dass man durch rasches und hartes Auftreten lange Schulschließungen vermeiden kann. Das ist eine Strategie, die man in anderen Ländern anwendet.“, so der OECD-Bildungsexperte zu diesem Thema.

Flanderns Bildungsminister Ben Weyts (N-VA) sieht das etwas anderes und will die Schulen so lange wie möglich offen lassen und Präsenzunterricht anbieten. Dazu arbeitete die flämische Landesregierung einen Strategieplan aus, der ab sofort zur Anwendung kommen soll (siehe nebenstehenden Beitrag).

Pierre Van Damme, Epidemiologe an der Universität Antwerpen (UAntwerpen), hält ebenfalls derzeit noch nicht viel von Schulschließungen. Er plädiert dafür, zuerst die außerschulischen Aktivitäten der Kinder unter die Lupe zu nehmen. Van Damme sagte am Montagmorgen in der VRT-Radio 2-Sendung „Start je dag“ („Beginne deinen Tag“): „Wir müssen uns die außerschulischen Aktivitäten anschauen, denn da machen alle Viren Gebrauch von. Das sind Netzwerke, die sie sehr gerne haben. Vielleicht ist das auch nur eine Zwischenmaßnahme, bevor wir den schwierigen Beschluss fassen, alle Schulen zu schließen.

Cathy Berx, die Gouverneurin der Provinz Antwerpen, denkt in eine ähnliche Richtung. Sie sagte am Montag gegenüber dem VRT-Regionalsender Radio 2/Antwerpen, dass die Schulen eher geöffnet bleiben sollten: „Ich glaube, dass es wichtig ist, dass die Schulen so wenig wie möglich Lernrückstand aufbauen. Die Schulkinder müssen zur Schule gehen können, auch wenn Distanzunterricht im Bereich des Möglichen bleibt.“ Auch sie ist der Ansicht, dass man schauen sollte, was die Schulkinder neben der Schule noch so alles machen, wie z.B. Vereinssport. Es sei klar, dass die Kinder ihre überschüssige Energie loswerden müssen und dass sie soziale Kontakte brauchen, doch „das sind viele enge Kontakte und die müssen wir absolut vermeiden. Berx plädiert dafür, die Lage täglich zu analysieren, was in ihrer Provinz der Fall sei.

Ihr Kollege aus der Provinz Limburg, Gouverneur Jos Lantmeeters, ist da anderer Ansicht. Er glaubt, dass man die allgemeine Schließung der Schulen in Erwägung ziehen müsse. In Limburg sind einige Schulen bereits wegen Corona-Ausbrüchen geschlossen: „Die Regierungen, die flämische und die föderale Regierung, müssen so etwas beschließen und ich sorge dann dafür, dass das auch ausgeführt wird. Aber zur Zeit muss ich mit den Riemen rudern, die mir zur Verfügung stehen. Wenn ich mir aber jetzt die Schulen anschaue und sehe, wie diese aufgrund von Ansteckungen ausfallen und wie die britische Variante dafür sorgt, dass Kinder angesteckt werden und ihre Eltern infizieren, dann frage danach, doch bitte mal eben gut nachzudenken, ob wir die Schulen unter diesen Umständen geöffnet lassen können.“ 

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