Vorrang beim Impfen für Jugendliche? Die Bedenken überwiegen

Der Aufruf, jungen Leuten zwischen 18 und 25 Vorrang bei den Impfungen gegen das Coronavirus einzuräumen, stößt in Belgien sowohl auf Fürsprecher, als auch auf Ablehnung. Auf jeden Fall aber solle vermieden werden, falsche Hoffnungen zu wecken, so die Ansicht von Experten.

Mit einem offenen Brief werben Vertreter verschiedenster gesellschaftlicher Kreise in Flandern dafür, Jugendlichen Vorrang im Corona-Impfplan einzuräumen (siehe nebenstehenden Beitrag). Die jungen Leute seien von der Krise moralisch schwer getroffen, denn dies betreffe nicht zuletzt eine Altersklasse, die gerade mitten in ihrer gesellschaftlichen Entwicklung sei.

Dies stößt auf Verständnis, doch Bedenken dagegen werden nicht nur auf Ebene des Gesundheitswesens geäußert. Bei der Impf-Taskforce heißt es, dass man sich mit dieser Frage beschäftige: „Es ist schön, dass eine ältere Generation Solidarität mit der Jugend zeigt. Wir werden uns dieses Signals sicher annehmen, genauso, wie die Signale anderer Bevölkerungsgruppen in der Gesellschaft, wie z.B. die Risikopatienten.“ Doch man solle auch nicht vergessen, dass ein solcher Vorrang auch Folgen für andere gesellschaftliche Gruppen habe.

Der Virologe Marc Van Ranst (KU Leuven) ist der Idee nicht abgeneigt, doch er ist der Ansicht, dass hier die Politik am Zuge sei. Und er warnt davor, zu viele Hoffnungen zu erwecken: „Wenn man den jungen Leuten erzählt, sie würden als erste an der Reihe sein, glauben sie, dass sie sofort wieder alles machen dürfen. Doch Regeln, wie das Tragen von Mundmasken und Abstand halten, bleiben bestehen.“ Darauf könne erst dann verzichtet werden, wenn alle geimpft seien und wenn eine Herdenimmunität aufgebaut sei.

Der Biostatistiker Geert Molenberghs (UHasselt/KU Leuven) hegt weitere Bedenken: „Wir wissen zu den Corona-Impfstoffen, dass sie vermeiden, dass uns das Virus tötet oder schwer erkranken lässt. Doch derzeit ist noch nicht deutlich, ob sie auch dafür sorgen, dass das Virus nicht mehr übertragen wird. Es kann sein, dass jemand, der bereits geimpft ist, trotzdem noch andere Menschen anstecken kann, ohne selbst etwas von dem Virus zu merken. Bevor wir die Impfstrategie anpassen, ist es wichtig, dass wir darauf eine klare Sicht haben.“

Der Motivations-Psychologe Maarten Vansteenkiste (UGent) hält den offenen Brief zur Solidarität mit der Jugend für ein schönes Signal, doch er warnt ebenfalls davor, die Realität nicht aus den Augen zu verlieren: „Wir dürfen den Jugendlichen nicht die falsche Hoffnung geben, dass eine Impfung gleich auch absolute Freiheit bedeutet. Das ist eine kollektive Geschichte, die uns zu einer kollektiven Freiheit führen sollte.“ Vansteenkiste warnt auch vor Konflikten zwischen den Generationen und den gesellschaftlichen Gruppen, die aus der Gewährung von Vorrang gerade auch beim Impfen entstehen könnten.

Beim flämischen Studierenden-Verband VVS heißt es dazu, dass man es begrüße, den Jugendlichen eine Perspektive zu bieten, doch man gibt von dieser Seite her zu verstehen, dass es Sache der Gesundheitsexperten sei, zu bestimmen, wie und in welcher Reihenfolge gegen Covid-19 geimpft werde. 

Und der Gesundheitsminister?

Flanderns Landesgesundheitsminister Wouter Beke (CD&V) letztendlich hält die Idee, Jugendlichen zwischen 18 und 25 Jahren Vorrang beim Impfen zu gewähren, für keine so gute Idee. Der flämische Christdemokrat ist der Ansicht, dass zuerst die am meisten gefährdeten Personenkreise an der Reihe sein müssen:

„Es ist nicht vernünftig, die Reihenfolge der Impfungen zu verändern. Es ist zwar deutlich, dass es die Leute, gerade auch die Jugendlichen, mit all diesen Maßnahmen schwer haben, doch die Impfstrategie geht von der Voraussetzung aus, wie wir dafür sorgen können, dass die am meisten gefährdeten Personen am schnellsten geimpft werden. Sie üben den größten Druck auf unser Gesundheitswesen und auf die Krankenhäuser aus und sie sind am stärksten gefährdet, zu sterben.“ 

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