Corona-Jahr 2020 sorgte wegen Lockdown für mehr Scheidungen und Schwangerschaften

Im Jahr 2020 gab es in unserem Land etwa 13 Prozent mehr Scheidungen als im Jahr 2019. Allerdings wurden 17 Prozent weniger legale Lebensgemeinschaften aufgelöst. Das belegen Statistiken des belgischen Innenministeriums. Darüber hinaus registrieren Gynäkologen auch viel mehr Schwangerschaften. 

2020 war das Jahr der Beziehungsextreme. Das scheint eine Schlussfolgerung zu sein, die wir aus den Zahlen des vergangenen Coronajahres ziehen können. Es haben sich viel mehr Menschen scheiden lassen. Diejenigen, die bereits geschieden waren, hatten häufiger einen Konflikt wegen der Zahlung von Alimenten. Diejenigen, die legal zusammenlebten, trennten sich aber weniger häufig und das wirft Fragen auf.

Die Zahlen

Im Jahr 2020 ist die Zahl der Scheidungen im Vergleich zu 2019 um 13 Prozent gestiegen. Der stärkste Anstieg seit 5 Jahren. Insgesamt haben sich im vergangenen Jahr 32.345 Belgier als "geschieden" beim Standesamt gemeldet. Das belegen Statistiken des Innenministeriums.

Personen, die bereits geschieden waren, hatten auch mehr Konflikte mit ihrem Ex-Partner wegen der (Nicht-) Zahlung von Alimenten. Im Jahr 2020 stieg die Zahl der Akten zu diesem Thema bei der DAVO, der Dienststelle für Unterhaltsansprüche, enorm an. Der Dienst wurde vor über 15 Jahren eingerichtet, um Menschen zu helfen, deren Ex-Partner den ihnen oder ihren Kindern geschuldeten Unterhalt nicht zahlt. Im Jahr 2020 eröffnete der Dienst 3.400 neue Fälle, fast 40 Prozent mehr als im Jahr 2019. Mit anderen Worten: eine bemerkenswerte Zunahme. Mehr als 20.000 Menschen schulden ihren Ex-Partnern heute bereits mehr als 417 Millionen Euro.

Heutzutage leben Paare rechtlich gesehen häufiger zusammen als sie heiraten. Und das macht die Zahlen der Beendigungen der legalen Lebensgemeinschaften relevant. Ins Auge springt, dass diese registrierten Lebensgemeinschaften 2020 stabiler waren als in den Jahren davor. Der Rückgang ist auch ziemlich signifikant: 2020 ginge 17 Prozent weniger Paare auseinander, also fast ein Fünftel, als 2019.

Außerdem scheinen mehr Paare den Schritt zu wagen, ein Kind zu bekommen. Johan Van Wiemeersch vom Flämischen Verband der Gynäkologen erwartet für 2021 einen regelrechten Babyboom. Im Sint-Augustinus-Krankenhaus in Wilrijk etwa werden bis zu 500 Babys mehr als normal erwartet. "Es gab deshalb bereits eine Krisensitzung", lacht Van Wiemeersch.

Nicht mehr nebeneinander leben

Eine Erklärung für die Zunahme der Scheidungen könnte sein, dass "nebeneinander leben" in der Coronazeit keine Option mehr war. Paare konnten sich nicht einfach in Arbeit oder Hobbys flüchten, sie mussten reden. "Die Bedeutung der Kommunikation ist während der Corona-Krise viel wichtiger geworden", sagt der Sexologe und Beziehungsexperte Wim Slabbinck. Es gab keine Ausweichmöglichkeiten, die Ehepartner mussten miteinander reden. Und für manche Paare hatte das auch seine Vorteile. "Es war gut für einige Beziehungen. Es gab mehr Zeit und Raum, sich gegenseitig neu zu entdecken. In einem hektischen Leben, in dem beide Partner vollzeit arbeiten, ist das manchmal sehr schwierig", sagt Slabbinck.

Aber bei anderen Paaren kam es nicht zur Versöhnung, ganz im Gegenteil. Das ständige Zusammensein führte häufiger zu einer Trennung. Der Soziologe Dimitri Mortelmans ist hierüber nicht besonders überrascht. "Vor der Corona-Ära haben wir zum Beispiel gesehen, dass sich Paare nach einem Urlaub häufiger trennen. Weil sie dann mehr Zeit miteinander verbracht hatten und einsahen, dass ihre Beziehung keine Zukunft mehr hatte. Der Lockdown war natürlich kein Urlaub, aber es war eine Zeit, in der die Menschen sehr viel Zeit miteinander verbracht haben."

Laut dem Soziologen handelt es sich dabei oft auch um Paare, bei denen die Beziehung bereits in der Krise steckte. "Ich denke, wir haben jetzt vor allem eine Beschleunigung von Dingen gesehen, die ohnehin eingetreten wären. Paare, die es vorher schwer hatten Nägel mit Köpfen zu machen, haben sich jetzt schneller entschieden", meint Mortelmans. Der Soziologe weist auch auf Probleme hin, die während der Corona-Krise aufgetaucht sind, wie z.B. die Alkoholabhängigkeit. "Wenn es mehr Alkoholabhängigkeit gibt, als Folge der Corona-Krise, dann hat das zweifellos auch Auswirkungen auf Beziehungen", sagt Mortelmans.

Wie es dazu kommt, dass sich proportional mehr Ehepaare getrennt haben als Paare, die legal zusammenlebten, ist unklar. "Das muss noch weiter erforscht werden. Wir können hierzu noch keine Schlüsse ziehen", sagen sowohl Wim Slabbinck als auch Dimitri Mortelmans.

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