Prozess im Fall Mawda: Polizist und Menschenschmuggler verurteilt

Im Fall der im Mai 2018 bei der Verfolgung eines Lieferwagens mit Flüchtlingen ab Bord durch einen Schuss aus einer Polizeiwaffe ums Leben gekommenen kleinen Mawda sind die Urteile verkündet worden. Der Polizist, der den tödlichen Schuss abgefeuert hatte, wurde zu einer Haftstrafe auf Bewährung verurteilt und einer der beiden angeklagten Menschenschmuggler muss effektiv ins Gefängnis. Der zweite Schleuser wurde freigesprochen.

Das Strafgericht von Mons in der Provinz Hennegau hat im Fall Mawda den Polizeibeamten, der den tödlichen Schuss abgegeben hatte, zu einem Jahr Haft auf Bewährung und zu einer Geldstrafe von 400 € verurteilt. Die Richter waren der Ansicht, dass der Beamte, der zu seiner Verteidigung angegeben hatte, auf die Reifen des flüchtenden Lieferwagens geschossen zu haben, fahrlässig gehandelt habe, wobei das zwei Jahre alte Kind, dass im Fahrzeug sichtbar war, getroffen wurde. 

Der Angeklagte habe sich nicht falsch verhalten, als er seine Waffe zog und er habe auch nicht die Absicht gehabt, das Mädchen zu töten, so die Richter, doch durch die Umstände der Verfolgung habe er mit seinen Schüssen fahrlässig gehandelt.

Der Fahrer des Wagens, einer der beiden danach festgenommenen Menschenschmuggler, wurde zu einer Haftstrafe von 4 Jahren ohne Bewährung verurteilt. Ihm warfen die Richter einen fahrlässigen Eingriff in den Straßenverkehr vor und auch bewaffneten Widerstand gegen die Staatsgewalt und die Gefährdung von Menschenleben. Der dritte Angeklagte, der mutmaßliche Beifahrer, wurde mangels an Beweisen freigesprochen. 

Weitere Ermittlungen gefordert

Nach der Urteilsverkündung am Freitag forderten die Eltern von Mawda weitere Ermittlungen in diesem Fall. Diese Ermittlungen sollen sich aber mit der Polizeiarbeit befassen. Der Anwalt der Familie gibt an, dass diese im Zuge dieses Vorgangs von Polizei und Behörden unmenschlich behandelt worden seien.

Nach dem der Fluchtwagen von der Polizei gestellt worden ist, habe man ihre Tochter ins Krankenhaus gebracht, jedoch weder die Mutter, noch Vater und Brüderchen dabei mitgenommen. Und vom Tode ihrer Tochter habe man sie lange nicht in Kenntnis gesetzt. Deshalb, so die Forderung, sollte sich ein parlamentarische Untersuchungsausschuss mit dem Fall befassen. 

Der Fall Mawda

In der Nacht vom 16. auf den 17. Mai 2018 beobachtet eine Streife der Autobahnpolizei von Namür auf einem Autobahnparking an der E42 einen weißen Lieferwagen mit gefälschten Kennzeichen. Die Polizisten sind gerade auf Streife gegen Schleuser und gegen sich illegal in Belgien aufhaltende Transitmigranten auf dem Weg nach Großbritannien. Die Polizisten beschließen den Wagen zu kontrollieren und rufen Verstärkung herbei. Der Lieferwagen aber fährt ab und die Polizei beginnt mit zwei Fahrzeugen die Verfolgung.

Verfolgung in Richtung Hennegau

Doch der Versuch, den Wagen in die Klemme zu bringen und zu stoppen, scheitert durch die waghalsige Fahrweise des Fahrers. Der Wagen kann wieder entkommen und die Polizisten rufen ihre Kollegen aus der Provinz Hennegau zu Hilfe, denn inzwischen wurde die Provinzgrenze überfahren. Während der Lieferwagen über die E42 rast, zerschlagen in den Lieferwagen befindliche die Rückfenster und zeigen Kinder daraus.

Kommunikation?

Inzwischen versuchen die Beamten der Autobahnpolizei der Provinz Namür mit ihren Kollegen aus Hennegau Kontakt aufzunehmen, doch dieser Kontakt muss über eine Zentrale laufen. Die Polizei Hennegau arbeitet mit einer neuen Funkfrequenz, die nicht mit Namür kompatibel ist… Ein Polizeifahrzeug aus Hennegau schafft es inzwischen bei Nimy in der Nähe von Mons, neben dem flüchtenden Lieferwagen herzufahren und einer der Beamten zeigt dabei seine Waffen, doch der Wagen rast weiter, woraufhin einer der Polizisten einen Schuss abgibt. Dieser Schuss trifft aber nicht den Reifen des Fluchtwagens, sondern die erst 2 Jahre alte Mawda Shawri, Tochter einer kurdisch-irakischen Flüchtlingsfamilie, in die Wange.

Transitmigranten auf dem Weg nach Großbritannien

Der Anwalt des Polizisten, der damals den Schuss abgab, sagte zu dessen Verteidigung, dass dieser den Reifen des Fluchtwagens treffen wollte. Doch der Polizeiwagen habe einen Ruck gemacht, wobei der Schuss sein Ziel verfehlte und stattdessen das Gesicht der zweijährigen Mawda, die mit ihren Eltern und ihrem Brüderchen in dem Lieferwagen sitzt, trifft. In dem Lieferwagen (Fotos unten) entdeckt die Polizei rund 30 Personen, allesamt Transitmigranten, die mithilfe von Schleusern nach England reisen wollten. 

Erst nach rund 20 Minuten kommt ein Krankenwagen, der Mawda in ein Krankenhaus bringt, wo sie an den Schussfolgen aber stirbt. Ihre Familie wird mit den anderen Insassen des Fluchtwagens zum Verhör festgenommen und wartet lange auf Neuigkeiten. Nach den Verhören werden alle Beteiligten freigelassen und verschwinden spurlos, außer die Familie von Mawda. Etwas später werden in Belgien zwei Iraker aufgrund von DNA-Spuren festgenommen - die beiden mutmaßlichen Schleuser und Fahrer des Wagens.

Polizeiinterne Untersuchungen

Nach dem Vorfall untersucht das Aufsichtsorgan für Polizei und Ermittlungsdienste in Belgien, das Komitee P, die Vorgänge. Im entsprechenden Bericht, der im Januar 2019 veröffentlicht wurde, wird festgestellt, dass es mit der Kommunikation deutlich haperte. So hatte die französische Polizei den Lieferwagen mit einem Peilsender zur Beobachtung versehen, was aber nur die Polizei von Ostflandern wusste, nicht aber die belgische Bundes- oder die Autobahnpolizei aus den Provinzen Hennegau und Namür. Zudem stand auch ein Vertuschungsversuch von Seiten der Polizei im Raum.

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