Friedhofskultur: Kommunen suchen die Angehörigen von Verstorbenen zur Klärung von Grabkonzessionen

Die Stadt Wetteren in Ostflandern sucht die Angehörigen oder Nachkommen von rund 400 Verstorbenen, um mit ihnen über eine Verlängerung der Konzessionen der Gräber zu sprechen. Falls niemand mehr gefunden werden kann, gehen die Gräber in den Besitz der Gemeinde über. Solche und ähnliche Vorgänge kommen auf viele Kommunen in ganz Belgien zu, denn eine alte Regelung zu den Besitzständen und den Konzessionen von Gräbern läuft dieses Jahr aus.

Nach langer Tradition und Jahrhunderte alter Gepflogenheiten wurden Gräber als „ewige Grabstätten“ vergeben. Das bedeutete damals, dass diese Gräber für immer den Familien gehören sollten, die eine entsprechende Konzession bekamen oder erwarben. Doch 1971 veränderte ein nationales belgisches Gesetz diese Regelung und passte die Dauer der Konzession an.

Diese wurde auf 50 Jahre beschränkt. Danach sollten die Kommunen bzw. die jeweiligen Friedhofsverwaltungen die Konzession neu besprechen und verhandeln. Das bedeutet theoretisch, dass die Besitzer der Grabstätten eine Gebühr hinzuzahlen müssen, um ihre Familiengräber weiter behalten zu können.

Wir schreiben das Jahr 2021 und diese 50 Jahre sind jetzt um. Das bedeutet, dass die Konzessionen auslaufen. In Wetteren in Ostflandern sucht die Stadtverwaltung jetzt nach den Angehörigen und Nachkommen von rund 400 Verstorbenen, um diese Frage zu regeln. Die Stadt will die Konzessionen übrigens kostenlos verlängern.

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Die Grabgruft des Friedhofs von Laken in Brüssel

Denkmalschutz und prächtige Grabstätten

Der Fall Wetteren zeigt auch auf, dass es sich bei vielen Gräbern um prächtige und teilweise monumentale Grabstätten handelt, denen der Verfall droht, falls sich die Besitzverhältnisse nicht klären lassen. In Wetteren will die Kommune die alten Gräber behalten, unterhalten und pflegen. Doch wird das überall so sein?

Um wie viele Gräber es sich dabei handeln könnte, ist nicht bekannt. Diese Frage konnten auch die Vereinigung Epitaph, die sich um das Kulturerbe rund um die belgische Beerdigungskultur kümmert und die auf Grabkunst spezialisierte Kunstwissenschaftlerin Linda Van Santfort von der Universität Gent (UGent) im flämischen Nachrichtenmagazin Knack nicht beantworten.

In Brüssel wird die Zahl der historisch bedeutsamen Grabstätten, die keinen Besitzer mehr haben, vielleicht deutlich höher liegen, als in anderen Regionen, Städte und Gemeinden, so Van Santfort und Tom Verhofstadt von Epitaph gegenüber Knack. Die beiden Experten gehen nicht davon aus, dass Gräber abgebaut oder verschwinden werden, denn auf den meisten Friedhöfen ist viel Platz. Auch in Belgien hat sich deutlich ein Trend hin zur Verbrennung seiner sterblichen Überreste entwickelt, was man 1971 ja noch nicht wissen konnte.

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Der Campo Santo in Gent

Regional unterschiedliche Herangehensweise

In der Region Brüssel-Hauptstadt mahlen die Mühlen in dieser Frage sehr langsam. Während man in Flandern und in der Wallonie einige Regelungen bereits 2009 angepasst hatte, nach dem die Städte und Gemeinden bis 2015 ihre Friedhöfe inventarisieren sollten, begann man in Brüssel erst 2018 damit. Deutliche Kriterien z.B. zu der Frage, welche historischen Bedeutung ein Grab lokal oder regional haben kann, gibt es hier im Gegensatz zu Flandern oder Wallonien nicht.

In der Hauptstadt-Region haben die meisten Gemeinden bis heute keine Inventarisierung ihrer Friedhöfe und Grabstätten vorgenommen. Eine der rühmlichen Ausnahmen bildet die Gemeinde Elsene, die mithilfe von Epitaph bereits 2009 dieses Kulturerbe auflistete. 2015 wurde übrigens gut die Hälfte des Friedhofgeländes übrigens unter Denkmalschutz gestellt.

Diese Art der Dynamik ist in den Augen der Friedhofskultur-Experten vorbildlich und auch in Brügge wird in dieser Hinsicht gute Arbeit geleistet. Hier wird bereits seit rund 30 Jahren mit den Grabkonzessionen gearbeitet, um Grabstätten von kulturhistorischer Bedeutung zu schützen und zu bewahren. Auch in der Wallonie funktioniert das nach Ansicht der Fachleute sehr gut.

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Der Friedhof Dieweg in Brüssel
Radio 2

Kulturtourismus?

In vielen Städten und Gemeinden auch in Belgien hat man längst begriffen, dass Friedhöfe auch spannende und kulturhistorische Orte sind, die Besucher anziehen. Während man sich in einigen Kommunen hier aber noch vornehm zurückhält und aus Pietätsgründen davor zurückschreckt, den Friedhof zu touristischen Zwecken zu bewerben, tun einige Städte dies aktiv.

Und in Belgien gibt es einige herrliche und wunderschöne Friedhöfe mit teilweise prächtigen Grabstätten, die auch bedeutende Familiengeschichte(n) erzählen. Andere Friedhöfe fristen ein eher verträumtes Dasein und gerade dieses Verwunschene ist auch touristisch sehr attraktiv. Als besonders interessant gelten z.B. einige Friedhöfe in Brüssel. Darunter ist auch der von Laken mit seinen vor einigen Jahren restaurierten Grabesgruften oder der Friedhof am Dieweg in Ukkel, wo unter anderem das Grab von Tim & Struppi-Schöpfer Hergé zu finden ist, und der Friedhof von Sint-Gillies, wo Gräber quasi aus Schilfgräsern herauslugen.

In Gent ist der Friedhof Sint-Amandsberg, auch Campo Santo genannt, erwähenswert. Hier liegen zahlreiche Künstler, Politiker und andere bedeutsame Persönlichkeiten aus Flandern begraben. Dort ist auch der Westerberg-Friedhof mit vielen alten und verwunschenen Grabstätten sehr interessant.

Wunderschön sind auch einige Friedhöfe in der wallonischen Provinz Hennegau, z.B. der von Mons. Nicht zu vergessen sind auch die zahlreichen Soldatenfriedhöfe im ganzen Land, auf denen die Gräber von zahllosen Gefallenen aus den beiden Weltkriegen des vergangenen Jahrhunderts zu finden sind. Der Friedhof von Eupen im deutschsprachigen Ostbelgien ist übrigens auch ein offizieller Soldatenfriedhof für Frankreich, denn hier ruhen Soldaten aus der „Grande Nation“ (Fotos unten). 

Friedhof Eupen
Andreas Kockartz/VRT
Friedhof Eupen
Andreas Kockartz/VRT

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