Wann kann es zu Corona-Lockerungen kommen? Premier De Croo und Experten zu möglichen Modellen 

Lockerungen der Corona-Maßnahmen kann es in Belgien kurzfristig wohl nicht geben. Davor warnen angesichts von wieder steigenden Ansteckungszahlen Premierminister Alexander De Croo (Open VLD - Foto), die Virologen Steven Van Gucht und Marc Van Ranst, sowie der Biostatistiker Niel Hens. Van Gucht und Van Ranst warnen vor den Virusvarianten und Hens stellte im Beisein des Premierministers mögliche Modelle und Szenarien vor.  

Premierminister De Croo sagte angesichts von steigenden Corona-Infizierungszahlen, dass es absolut notwendig sei, weiter sehr vorsichtig zu bleiben. Der Augenblick für zusätzliche Lockerungen sei noch nicht gekommen, auch wenn große Teile der Gesellschaft verständlicherweise auf Perspektiven warten würden: „Dieser Moment kommt nicht morgen oder kommende Woche. Doch er ist auch nicht mehr sehr weit entfernt.“ De Croo will nur Perspektiven auf Basis von wissenschaftlichen Erkenntnissen und Fakten geben und deshalb kann man davon ausgehen, dass es am kommenden Freitag, wenn sich die Regierungen aus Bund und Ländern zum nächsten Corona-Konzertierungsausschuss treffen, auch nicht zu wesentlichen Anpassungen an den derzeit geltenden Regeln kommen wird.

"Mit Lockerungen ab dem 1. Mai können wir das Virus mit Sicherheit unter Kontrolle halten"

Der Biostatistiker Niel Hens (Foto unten) von der Universität Hasselt (UHasselt) legte am Montag im Beisein des Premierministers einige Szenarien vor, mit denen man die Epidemie in Belgien angehen könnte. Dabei trägt er Rechnung mit den für ihn aktuell wichtigsten Parametern: Die Zahl der Krankenhausaufnahmen bzw. die Lage im Gesundheitswesen, die Impfkampagne im Land und die weitere Ausbreitung der hierzulande am meisten verbreitete britische Corona-Variante.

Dabei wird ist für Prof. Hens deutlich: Je später die Lockerungen, desto positiver ist die Auswirkung der Impfungen. Lockerungen ab dem 1. März sind keine Option, Lockerungen ab dem 1. Mai werden wiederum weniger Impakt auf die Krankenhausaufnahmen haben. „Bei einer Lockerung ab dem 1. Mai können wir das Virus mit Sicherheit unter Kontrolle halten.“

Vor deutlichen Lockerungen schon ab dem 1. April hingegen warnt der Biostatistiker, denn die britische Variante könnte, weil sie ansteckender ist, negative Auswirkungen auf das Krankenhauswesen haben: „Damit müssen wir Rechnung tragen! Epidemiologisch stehen wir vor einer entscheidenden Periode. Wir müssen und in Geduld üben. Noch 3 bis 4 Wochen müssen wir kontrollieren, welchen Einfluss die britische Variante hat.“

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Niel Hens
PRE

Auch die Virologen warnen vor voreiligen Lockerungen

„Das schöne Wetter ist gut für unsere Moral und da liegt auch nicht das größte Problem“, so Steven Van Gucht (Foto unten), Virologe und Leiter des staatlichen wissenschaftlichen Gesundheitsamtes Sciensano. „Bei schönem Wetter kann es sein, dass in den Straßen oder an der Küste mehr Menschen rumlaufen, als sonst, doch hier wird meistens Abstand gehalten. Ich habe kein Problem damit, dass sich die Leute an solchen Orten begegnen,“ so der Virologe.

Er mache sich viel mehr Sorgen über die Leute, die sich hinter verschlossenen Türen treffen. Dabei weist Van Gucht auf die zunehmende Zahl von Kontakten zu Hause im privaten Kreis oder auch am Arbeitsplatz.

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Steven Van Gucht
Danny Gys / Reporters

50 % der Ansteckungen betreffen aktuell die britische Variante

Ähnlich sieht dies auch der Virologe Marc Van Ranst von der Löwener Universität (KU Leuven - Foto unten): „Wenn man die Bilder (von den Menschenmassen an der Küste oder in den Parks (Red.)), dann sind das auch die am meisten frappanten Bilder, die hier gezeigt werden.“ Diese Bilder, die seit Samstag in den hiesigen Medien zu sehen sind, relativiert Van Ranst, doch er macht sich ebenfalls viel mehr Sorgen über die Bilder, die man nicht sehen kann.

Vielleicht hätten sich am Wochenende einige Leute angesteckt, doch ihn beunruhigen viel mehr die neuen Virusmutationen: „Inzwischen sind mehr als 50 % der Coronaviren, die die Runde machen, neue Varianten.“ Das sei in den meisten Fällen die britische Variante, doch auch die afrikanische und die brasilianische Mutation seien hier vereinzelt unterwegs.

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Marc Van Ranst
James Arthur Photography

"Brauchen noch drei Wochen, um eine klare Sicht auf die Situation zu bekommen"

Van Ranst und Van Gucht gehen davon aus, dass sich die Lage in den kommenden Wochen stabilisieren wird. Allerdings wird es kurzfristig zu mehr Ansteckungen kommen, wie Steven Van Gucht erwartet: „Ich gehe davon aus, dass wir die Situation unter Kontrolle behalten werden, wenn wir die heutigen Maßnahmen gut befolgen.“ Seiner Ansicht nach ist das Verhalten der Leute noch immer der wichtigste Faktor bei der Verbreitung des Virus.

Mark Van Ranst ist der Ansicht, dass man noch nicht so schnell zu Lockerungen übergehen soll, auch wenn das am kommenden Freitag vom Konzertierungsausschuss erwartet wird: „Wir, die Virologen, fanden es schon nicht so gut, einige Kontaktberufe wieder zu ermöglichen. Das hat man doch gemacht. (…) Das Problem ist, dass man, einmal die Türen geöffnet sind, auch die Schleusentore öffnen möchte, weil so gut wie jeder mit der Bitte um Lockerungen kommt. Es ist klar, dass noch nicht der Moment gekommen ist, um das zu tun. Wir brauchen noch etwa drei Wochen um eine klare Sicht auf die Situation zu bekommen.“

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