Flandern erwirbt das vollständige Originalmanuskript von "Bezette stad" von Paul van Ostaijen

Flandern wird das vollständige, rund 150 Seiten starke und in gutem Zustand befindliche Originalmanuskript von „Bezette stad“ des flämischen Dichters Paul van Ostaijen übernehmen. In diesem Werk befindet sich einer der wichtigsten Verse der niederländisch-sprachigen Dichtkunst: „Boem paukeslag“. Dieses Manuskript ist Teil der Liste der sogenannten „Flämischen Spitzenwerke“ und wird ab Ende März im Letterenhuis, dem Haus der Literatur, in Antwerpen zu sehen sein. Dort beginnt bald das Paul van Ostaijen-Jahr, denn der Dichter wäre am 22. Februar 125 Jahre alt geworden.

„Bezette stad“ ist vor rund 100 Jahren gedruckt worden. Teile dieses für Flandern so wichtige Gedichtbündels sind übrigens in Berlin entstanden, denn Paul van Ostaijen (1896 - 1928) floh für einige Jahre in die deutsche Hauptstadt, weil er als flämischer Nationalist von den belgischen Behörden verfolgt wurde. Sein Exil in Berlin dauerte von 1918 bis 1921. Doch auch danach blieb van Ostaijen noch eine Zeit lang in Deutschland, denn er gehörte danach bis 1923 als Soldat zur belgischen Besatzungsarmee.

Dieser als bedeutendster expressionistischer und dadaistischer Dichter der niederländischer Sprache geltende flämische Nationalist gehörte zu jenen Belgiern, die im Laufe des Ersten Weltkriegs von der französischsprachigen Dominanz angewidert waren und die daraufhin für einen eigenen flämischen Staat eintraten.

Kurzes Leben

Van Ostaijen, in Antwerpen geboren, arbeitete zwischen 1924 und 1926 in Brüssel als Buch- und Kunsthändler in seiner eigenen Galerie und auch in dieser Zeit verfasste er zahlreiche satirische und groteske Gedichte und Erzählungen. Sein Werk ist vielfältig und von dadaistischen und surrealistischen Aspekten durchzogen.

Aber, es zeigt auch einen sensiblen Menschen, der in eine tiefgreifende Sinnkrise stürzte, als er eine Tuberkulose-Diagnose bekam. Paul van Ostaijen starb 1928 an den Folgen dieser Krankheit im Sanatorium von Miavoye-Anthée in den Ardennen. Er liegt begraben auf dem Friedhof Schoonselhof in Antwerpen. Seine sogenannte „reine Lyrik“ („zuivere lyriek“ in Niederländisch) wurde postum unter dem Titel „Nachgelassene Gedichte“ („Nagelaten gedichten“) herausgegeben.

(Lesen Sie bitte unter der Illustration weiter)

Bibliographie (Auszug)

1916 erschien mit „Music Hall“ als sein erster Gedichtband, der vor allem sehr dekadente Verse zeigte. 1918, kurz nach dem Krieg, erschien „Het Sienjaal“ („Das Signal“) und 1921 sein Schlüsselwerk „Bezette Stad“ („Besetzte Stadt“). Beide Gedichtbündel sind stark expressionistisch geprägt. Nach seinem Tod erschienen noch einige weitere Gedichtbände.

In deutscher Übersetzung sind nur wenige seiner Gedichte erschienen: „Grotesken“ im Suhrkamp Verlag 1967, „Gedichte aus Belgien und den Niederlanden“, herausgegeben von Hans Joachim Schädlich im Verlag Volk und Welt 1977 oder auch „Der Pleite-Jazz“, ein Stummfilm-Drehbuch aus dem Jahre 1920, Friedenauer Presse 1996. Dieses Drehbuch wurde 2006 von Leo van Maaren (Regie) und Frank Herrebout (Produzent) verfilmt und am 5. November 2006 beim JazzFest Berlin aufgeführt.

"Von unschätzbarem Wert"

Das flämische Kulturministerium lässt sich das Original von „Bezette Stad“ 725.000 € kosten. Der Verkäufer, ein Privatsammler, wird nicht genannt. Für Ministerpräsident und Landeskulturminister Jan Jambon (N-VA) ist dieses Werk „von unschätzbarem Wert für das flämische Kulturerbe. Das ist das ikonische Werk eines ikonischen Autoren“.

Van Ostaijen-Biograf Matthijs de Ridder ist begeistert von dem Originalmanuskript: “Das ist das Manuskript, auf das ich am meisten neugierig war. Wir wussten nicht, wo es war und ob es jemals wieder auftauchen würde. Es ist das ganze Buch ‚Bezette Stad‘ von Paul van Ostaijen selbst geschrieben und gezeichnet. Alleine schon die Tatsache, dass es seine Handschrift ist, ist so wichtig, dass es jetzt da ist.“

(Lesen Sie bitte unter den Fotos weiter)

Paul van Ostaijen

Digitalisiert

In dem originalen Werk sind einige Unterschiede zu den Kopien zu finden, so de Ridder. Fehler versteckte der Autor zum Beispiel mit neuem Papier, dass er mangels Leim mit Briefmarken festklebte. Sogar diese Briefmarken sind im Original noch vorhanden. Hier sind auch Sätze einfach weggekratzt worden (siehe Foto oben). Van Ostaijen arbeitete seit 1920 an dem Werk, für das seine Geburtsstadt Antwerpen Model war. Inzwischen ist „Bezette Stad“ digitalisiert und online kann man schon darin blättern: https://collectie.antwerpen.be/bezette-stad/handschrift

Meist gelesen auf VRT Nachrichten