"Trains & Tracks": Die Kunstbiennale Europalia wechselt die Strategie und nimmt die Bahn

Die Kunstbiennale Europalia schlägt in dieser Saison gänzlich neue Wege ein. In der Saison 2021/2022 wird nicht, wie bisher üblich, ein Land oder eine Region vorgestellt, sondern dieses Mal liegt der Fokus auf der Eisenbahn. Die Europalia räumt diesem Verkehrsmittel, das Europa miteinander verbindet, eine zentrale Rolle ein. Zwischen dem 21. Oktober 2021 und dem 15. Mai 2022 werden über 50 Events und Veranstaltungen stattfinden, von denen der größte Teil in Belgien zu erleben sein wird. 

„Trains & Tracks“ konzentriert sich über gleich drei wichtige Anlässe in der Geschichte der Eisenbahn auf den Zug: 25 Jahre Thalys, 40 Jahr TGV und 175 Jahre Eisenbahnverbindung zwischen Brüssel und Paris. In unterschiedlichen technischen Entwicklungsstufen sei die Eisenbahn stets ein Symbol des Fortschritts gewesen, so Dirk Vermaelen, Künstlerischer Leiter der Europalia: „Bei seiner Entstehung war der Zug ein Symbol für eine Beschleunigung der Gesellschaft und der Industrialisierung. Heute steht er eher für den Wunsch nach Entschleunigung und für ein nachhaltiges Leben und Reisen.“

Um den Einfluss der Bahn auf unsere Lebensweise und auf unsere Art und Weise zu arbeiten und zu leben Wert einzuschätzen, geht die Europalia aus einer zeitgenössischen künstlerischen und aus einer gesellschaftlichen Perspektive an dieses Thema heran. Der rote Faden, der durch die Veranstaltungsreihe führt, liegt bei der Nachhaltigkeit, der Bewegung und der Zeit.

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Andreas Kockartz

Eröffnungsausstellung im Königlichen Museum für Schöne Künste

Die Eröffnungsausstellung der Europalia findet unter dem Titel „In the Tracks of Art“ im Königlichen Museum für Schöne Künste in Brüssel statt. Anhand von Kunstwerken berühmter Maler, wie Claude Monet oder Leon Spilliaert, wird gezeigt, wie sehr die Faszination aber auch die Angst vor dem neuen „Stahlross“ die Kunst in ihren Bann zogen und noch zieht, denn auch zeitgenössische Künstler und Kunstwerke sind in diesem Rahmen zu sehen.  

Im Brüsseler Kulturpalast Bozar verliert sich der zeitgenössische belgische Künstler Rinus Van de Velde bildlich und künstlerisch in Traumreisen. Dabei wird auch sein neuer Film in Premiere gehen.  Doch neben den klassischen Museen werden auch Bahnverbindungen, Bahnhöfe und Eisenbahnfahrzeuge in das Kunstfestival mit einbezogen.

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Andreas Kockartz

Kunst entlang der Bahnverbindung Eupen-Ostende

Entlang der Bahnlinie zwischen Eupen an der Grenze zu Deutschland und Ostende an der Nordseeküste (diese Bahnlinie führt durch alle Landesteile und Sprachengebiete in Belgien) werden Künstler wie Laure Prouvost, Marina Pinsky oder Che Go Eun Werke und Installationen an Orten und Stellen anfertigen, an denen der Zug sonst achtlos vorbeirast.

Choreograf Boris Charmatz wird mit seinem Ensemble Tanzperformances im Bahnhof Brüssel-Nord zeigen und das Kammerorchester Casco Phil wird Reisende und Pendler auf Bahnsteigen mit Auszügen aus Opern überraschen. Nicht zuletzt wird auch die Literatur ihren Platz bei der Eisenbahn-Europalia haben. Autoren, wie Lize Spit und Thomas Gunzig, werden dabei lesend den berühmten „Bahnhofsroman“ interpretieren.

Spannend ist auch der Beitrag des Ictus Ensemble. Dieses zeitgenössische Musikensemble widmet sich der allerersten Fahrt mit einem Zug in Belgien (und auf den europäischen Festland) zwischen Brüssel und Mechelen 1835 und wird dabei Überraschungskonzerte in Zügen geben. Im zentralen Ausbesserungswerk der belgischen Bahngesellschaft NMBS/SNCB in Mechelen wird unter anderem eine „Fuge an die Lokomotive“ aufgeführt. Und der Tänzer und Choreograf Mohamed Toukabri wird mit Performances rund um HipHop und Breakdance in Bahnhöfen und im öffentlichen Raum aufwarten.

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European Year of Rail

Einer der Gründe, warum sich die Europalia in der neuen Saison auf die Bahn verlegt hat, ist auch die Entscheidung der Europäischen Kommission, das Jahr 2021 zum „Europäischen Jahr der Schiene“ auszurufen. Auch darum finden im Rahmen von „Trains & Tracks“ an verschiedenen Orten in Europa von Europalia organisierte Workshops und Debatten über den Zug (in) der Zukunft statt und über die Rolle der Bahn im „Green Deal“.

Europalia „Tracks & Trains“ arbeitet eng mit der belgischen Bahngesellschaft NMBS/SNCB und mit dem Eisenbahnmuseum Train World in Schaarbeek zusammen. Hier findet übrigens eine Ausstellung zum weltberühmten und legendären Orient Express (Foto unten) statt, wohl dem Symbol für Reisen quer durch ganz Europa mit dem Zug.

Europalia „Tracks & Trains“, 14. Oktober 2021 bis 15. Mai 2022. Das Programm ist noch in der abschließenden Entwicklung, wird wenn nötig den Gegebenheiten durch Corona angepasst und soll im Juni veröffentlicht werden. Erste Infos: https://europalia.eu/nl/trains-and-tracks. Schade, dass bei diesem Europa so sehr verbindenden Thema schon Deutsch als die dritte Sprache in Belgien einmal mehr nicht berücksichtigt wurde… 

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