Museum 44

Ist ein in den USA festgenommener KZ-Wachmann für den Tod von Deportierten aus Flandern mitverantwortlich?

Der in der vergangenen Woche in Oak Ridge im US-Staat Tennessee festgenommene ehemalige KZ-Wachmann Friedrich Karl Berger war im Konzentrationslager Neuengamme tätig. Jetzt stellt sich die Frage, ob der heutige 95-Jährige auch für den Tod von dutzenden von Bewohnern aus dem flämischen Dorf Meensel-Kiezegem in Flämisch-Brabant mitverantwortlich ist. 71 der Betroffenen wurden 1944 nach Neuengamme deportiert und 63 von ihnen kehrten nicht mehr lebend zurück nach Hause.

Friedrich Karl Berger tauchte nach dem Krieg unter und lebte seit 1959 unentdeckt in Oak Ridge/Tennessee. Doch letzte Woche flog der heute 95 Jahre alte ehemalige KZ-Bewacher auf und wurde festgenommen. Inzwischen ist der Mann an Deutschland ausgeliefert worden und wartet in Frankfurt auf seinen Prozess.

Am Ende des Zweiten Weltkriegs war Berger im KZ Neuengamme stationiert, wo die 71 Männer aus Meensel-Kiezegem hin deportiert wurden. Jetzt stellen sich viele hier die Frage, ob Berger auch für den Tod dieser Leute mitverantwortlich ist und beobachten den Vorgang sehr genau. Berger hat inzwischen gestanden, als 19-Jähriger KZ-Bewacher in Neuengamme gewesen zu sein. Doch er fügte gleich hinzu, dass er lediglich Befehle ausgeführt habe.

Einer, der genau hinschaut, ist Tom Devos vom Museum44 in Meensel-Kiezegem, dass sich mit der Geschichte der Deportation der 71 Männer aus dem Dorf im Juli 1944 auseinandersetzt. Devos erzählte gegenüber VRT NWS, was man hier über Berger in Erfahrung gebracht hat: „Wir wissen nicht, was dieser Mann genau getan hat. Wir wissen, dass Berger bei der Marine war und nicht bei der SS. Wollte er das tun oder musste er das tun? Das wissen wir natürlich nicht. Aber, wir wollen seine Geschichte gerne erfahren.“

Das Dorf ist bis heute, drei bis vier Generationen danach, noch immer von der Geschichte von 1944 gezeichnet, so Devos: „Es wird noch immer darüber gesprochen. Wir können vielleicht aus der Geschichte von Berger noch etwas lernen, damit so etwas nie mehr wieder passiert.“ 

Die Geschichte von Meensel-Kiezegem

Nach dem Mord an dem jungen Kollaborateur Gaston Merckx aus einer pro-deutschen Familie am 30. Juli 1944 forderte dessen Mutter 100 Geiseln. Bei zwei deutschen Razzien wurden 91 Dorfbewohner, also so ziemlich alle erwachsenen Männer aus der Ortschaft, festgenommen und in ein KZ der Nazis deportiert - viele davon nach Neuengamme, wie man heute weiß. Einige Betroffene wurden sofort erschossen und 71 wurden deportiert.

Nur 8 von ihnen haben das KZ überlebt. 63 Bürger aus Meensel-Kiezegem kamen nicht mehr lebend zurück. Der Friedhof der kleinen Gemeinde umfasst dementsprechend viele Kriegsgräber (Foto unten). Auf diese Weise wurde Meensel-Kiezegem zu einem der durch den Krieg am schwersten getroffenen Dörfer in ganz Europa. Eine ganze Generation der Bürger dieser Ortschaft wuchs ohne Vater auf.

Oktaaf Duerinckx musste damals zusehen, wie sein Vater mitgenommen wurde. 2015 erzählte er gegenüber der VRT-Nachrichtenredaktion: „Unsere Generation, meine Altersgenossen würde ich sagen, sind ohne Vater groß geworden. Wir kannten den Begriff Vater gar nicht. Wir wussten nicht, was das war. Wenn wir darüber haben reden hören, dann sagten wir, ‚wir haben das nicht‘. Wir waren rund 100 Kriegswaisen in so einem kleinen Dorf. Das hat das Dorf gezeichnet und tut es noch immer."

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