Häuser ohne Baugrund: Community Land Trust taucht auch in Belgien auf

Man kauft eine Wohnung oder ein Haus, doch der Baugrund, auf dem das Gebäude entsteht, ist Eigentum einer Gemeinschaft. Dieses Prinzip nennt sich Community Land Trust (CLT) und bedeutet individuelle Eigentumsrechte auf kollektivem Baugrund. Dieses System kommt aus den USA, fasst inzwischen auch in Brüssel Fuß und fungiert dabei hier als Pionier in Europa. 

Das erste CLT-Projekt in Brüssel befindet sich am Ninoofsesteenweg im Stadtteil Molenbeek (Foto oben). „L’ écluse“ ist das erste Projekt, das nach dem Community Land Trust-Prinzip in Europa entstanden ist. Hier sind 9 Familien eingezogen, denen die Wohnung, in der sie leben, gehört, doch der Baugrund gehört einer Gesellschaft. Damit sind die Wohnungen bezahlbar geblieben.

Auch in Brüssel liegt ein akuter Mangel an bezahlbarem Wohnraum vor und selbst in einem eher wenig gut angesehenen Stadtviertel, wie in Sint-Jans-Molenbeek lauert die sogenannte „Gentrifizierung“ um die Ecke, die stets die Mieten oder Immobilienpreise ansteigen lässt. Seit dem Jahr 2000 steigen die Preise in Brüssel exorbitant.

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Das Projekt "L’ écluse" ist das erste CLT-Haus in Brüssel
Andreas Kockartz

Lösung für das Wohnungsproblem?

CLT Brüssel ist der Ansicht, dass dieses System die Lösung für das Problem in Sachen finanzierbarer Wohnraum ist. Bis 2030 will man hier in der Region Brüssel-Hautstadt mit seinen 19 Gemeinden bis zu 1.000 Häuser bauen. Bisher bietet CLT hier 49 Wohnungen und es laufen gerade (erstes Quartal 2021) etwa 150 Projekte für den Bau von Häusern, deren Baufläche Eigentum der CLT-Gesellschaft ist oder anderen spezifischen Gemeinschaften gehört.

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Andreas Kockartz
Das Wohngebäude zwischen der Zwarte Vijverstraat (oben) und der Vandepeereboomstraat (unten) in Anderlecht bietet vielen Familien eine recht günstige Wohnmöglichkeit
Andreas Kockartz

Dass die Zeit für Alternativen zum klassischen Wohnungs- und Mietmarkt in Brüssel drängt, belegen folgende Zahlen: 45.000 Sozialwohnungen in der ganzen Region, wo nur selten eine Wohnung von frei wird und eine Warteliste für eine Sozialwohnung von rund 50.000 Familien und Haushalten…

Bernie Sanders

Bekannt wurde das System 1988, als das Projekt Champlain Housing Trust in Burlington im US-Bundesstaat Vermont den „World Habitat“ erhielt. Damals war der frühere linke US-Präsidentschaftskandidat Bernie Sanders dort Bürgermeister und er war es, der diesem Vorhaben Zuschüsse gegeben hatte, damit es überhaupt nach dem CLT-System gebaut werden konnte. Allerdings existiert Community Land Trust in den USA bereits seit den 1970er Jahren, um afro-amerikanischen Landwirten den Zugang zu Agrarflächen zu ermöglichen.

CLT Brüssel-Initiator Geert De Pauw ließ sich in Burlington inspirieren und fand danach in der belgischen Hauptstadt 15 regionale Vereinigungen, die eine Charta für den Aufbau einer CLT-Gesellschaft unterzeichneten. Die Gesellschaft wurde 2012 von der Region Brüssel-Hauptstadt anerkannt und seit diesem Jahr wird der Ankauf von Parzellen zum Bau von CLT-Häusern bezuschusst. Dieses System ist für Familien, Einzelpersonen und Haushalte, die über einen langen Zeitraum hinweg bezahlbar mieten oder besitzen wollen, auch aus einem anderen Grund interessant.

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Dieses CLT-Projekt befindet sich in Schaarbeek in der Liedtsstraat zwischen Nordbahnhof, dem Rotlichtviertel in der Aarschotstraat und dem Liedtsplein
Andreas Kockartz

Schutz vor Spekulation

Das Community Land Trust-System schützt vor Spekulation, denn bei einem Wieder- oder Weiterverkauf der Wohnung auch am freien und privaten Markt sind die Preise gebunden und richten sich rückwirkend nach dem damaligen Kaufpreis: Eine Wohnung kostete nach dem Bau 200.000 Euro. Davon entfielen 50.000 Euro auf den Anteil am Baugrund. Ein Käufer zahlte aber 150.000 Euro bzw. nahm eine Hypothek über diese Summe bei der jeweiligen CLT-Wohnungsbaugesellschaft.

Nach 10 Jahren soll die Wohnung verkauft werden und ist auf dem privaten Markt 250.000 Euro wert. Doch der Besitzer hat laut CLT-Vertrag nur Anrecht auf 150.000 Euro plus 20 % Mehrwert. Das bedeutet, dass er seine Wohnung für nicht mehr als 160.000 Euro wieder verkaufen kann. Der Anteil am Baugrund bleibt bei der Gesellschaft. Der neue Besitzer kauft für 160.000 Euro und wenn er wieder verkaufen möchte, gilt das gleiche Prinzip. Der erste Besitzer hat übrigens das Recht, beim Bau des entsprechenden Hauses mitzureden und alle zukünftigen Wohnungsbesitzer sind automatisch Mitglied in der Brüsseler CLT-Gesellschaft.

Unmögliche Ziele?

Dass CLT-Brüssel bis 2030 bis zu 1.000 Wohnungen nach diesem Prinzip anbieten kann, scheint gar nicht so utopisch zu sein. Im Wohnungsbau-Sonderheft des flämischen Nachrichtenmagazins Knack geht man davon aus, dass die aktuelle Corona-Krise, die ja auch eine wirtschaftliche Krise ist, möglicherweise für einen Leerstand von Bürogebäuden sorgen könnte (durch Konkurse, aber auch durch die Aufgabe von Räumen durch mehr Homeoffice). Diese könne man auch von Seiten eines CLT-Projektes in Wohnraum umwandeln. 

Noch einmal „L‘ écluse“, das erste CLT-Projekt von Brüssel. Dieses Haus liegt an einer Schleuse (daher der Name des Projekts) am Kanal Brüssel-Charleroi und an einer Haltestelle für Busse und Straßenbahnen
Andreas Kockartz

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