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TV-Magazin “Pano" untersucht Videos und Zeugenaussagen nach extremer Polizeigewalt

Journalisten des VRT-Nachrichtenmagazins "Pano" haben die Hintergründe von Videos und Zeugenaussagen über extreme Polizeigewalt recherchiert. Die Macht der Bilder setzt auch die Polizeibehörden unter Druck, um etwas gegen gewalttätige Polizisten zu tun. Dabei wird auch die Ausbildung an den Polizeischulen hinterfragt. Die Reportage war am 3. März auf dem Sender Eén ausgestrahlt worden und löste viele Reaktionen aus.

Die Reportage handelt u. a. von einem Vorfall auf dem Dageraadplaats in Antwerpen. Adam und Kagiso sind beide 16 Jahre alt und beste Freunde. Am 14. Dezember wollen sie mit ihren Klassenkameraden das Ende der Prüfungen feiern. Sie treffen sich mit einem Dutzend Jugendlichen auf dem Dageraadplaats. Die Polizei will die Einhaltung der Corona-Maßnahmen prüfen. Als die Polizeiautos eintreffen, gehen die meisten jungen Leute weg. Einige bleiben, darunter Kagiso. Es kommt zu einer heftigen Auseinandersetzung mit der Polizei und Adam sieht, wie Kagiso, der eine schwarze Hautfarbe hat, immer wieder geschubst wird. Er fragt die Polizisten, ob sie rassistisch sind. Ab diesem Zeitpunkt wird der Vorfall von anderen jungen Leuten gefilmt. Zu sehen ist, wie Adam von drei Polizisten festgehalten wird. Kagiso will seinem besten Freund helfen und bekommt einen Faustschlag ins Gesicht. Er fällt bewusstlos um. Adam wird Zeuge der Szene, während er festgehalten wird: "Sie schleifen meinen besten Freund über den Boden. Sie haben ihn k.o. Geschlagen ... In diesem Moment dachte ich, er sei tot." 

Die Eltern von Adam und Kagiso erstatteten Anzeige, aber auch die Antwerpener Polizei leitet unmittelbar nach dem Vorfall eine interne Untersuchung ein. Beide Untersuchungen laufen noch. Weder der Bürgermeister von Antwerpen noch die Staatsanwaltschaft wollten reagieren. 

Darf man Polizisten filmen?

Kriminologin Sofie De Kimpe

Das Video der Zeugen am Dageraadplaats zeigt auch einen Polizeibeamten, der erklärt, dass es nicht erlaubt ist, die Polizei zu filmen.   

Sofie De Kimpe, Professorin für Kriminologie an der VUB, erklärt, dass es in Belgien kein Gesetz gibt, das das Filmen von Polizisten erlaubt oder verbietet. Vielmehr sei Filmen nur erlaubt, wenn es im Interesse der Gesellschaft geschehen. Überschreitet die Polizei Grenzen, dürfte filmen erlaubt sein. “Natürlich ist es Sache des Richters, im Nachhinein zu entscheiden, ob die Bilder gesellschaftlich nützlich waren oder nicht", sagt De Kimpe. 

Polizeikontrolle in einem Restaurant

Restaurantbesitzer Samer bekommt das Knie eines Polizisten in den Magen gerammt.

Die Kontrolle der Corona-Maßnahmen in einem libanesischen Restaurant im Brüsseler Bezirk Saint-Gilles läuft aus dem Ruder. Die Video-Überwachung des Restaurants hat die ganze Szene gefilmt. Die Situation läuft aus dem Ruder, als die Polizei einen Mitarbeiter des Restaurants ohne gültige Aufenthaltserlaubnis festnehmen will. Der Wirt greift ein, bekommt Schläge mit dem Knüppel und ein Knie in die Magengegend gerammt. 

Die Reportage berichtet auch von den Protesten gegen Polizeigewalt am 24. Januar, als fast 300 Personen festgenommen worden sind. Mehrere Minderjährige und ihre Eltern haben anschließend Anzeige wegen massiver Gewaltausübung in den Zellen erstattet. Die Brüsseler Staatsanwaltschaft hat daraufhin eine Untersuchung eingeleitet. Auch mehrere Polizisten haben nach diesem Vorfall gegen das Vorgehen bestimmter Kollegen protestiert. 

“Polizisten sind auch nur Menschen."

Die Polizeibeamten Robert und Murat auf Streife in einem Brennpunktviertel von Anderlecht.

Die Kontrolle behalten ist ein wichtiger Teil der Polizeiausbildung, die Techniken lehrt, um Personen zu neutralisieren, ohne sie zu verletzen. Laut Paul Jacobs, selbst pensionierter Polizeibeamter und Dozent an zwei Polizeiakademien, müssen Polizisten lernen, mit Gewalt umzugehen: “Aber natürlich geht es um die Realität vor Ort, um den Druck, den eine Gruppe ausübt. Diese Dinge spielen eine Rolle. Polizisten sind auch nur Menschen. Wenn man Menschen Macht gibt, gibt es immer  welche, die sie missbrauchen." 

Pano hat auch zwei Polizisten auf Streife in einem Brennpunktviertel in Anderlecht begleitet.  Die Corona-Vorschriften haben die Beziehungen zwischen Polizei und Jugendliche nicht vereinfacht, sagt Polizeichef Jurgen De Landsheer: "Es ist nicht sehr ermutigend, im Moment Polizist oder Polizistin in den Straßen von Brüssel zu sein. Ja, es gibt von Zeit zu Zeit exzessive, unverhältnismäßige Gewalt. Aber man darf auch nicht vergessen, dass die Polizisten herausgefordert, angespuckt, verspottet werden, vielleicht eine halbe Stunde oder eine Stunde lang. Irgendwann ist es genug.” 

Polizeichef Jurgen De Landsheer

Längere Ausbildung bedeutet bessere Kontrolle der Gewalt

In Belgien dauert die Ausbildung eines Polizeibeamten ein Jahr, gefolgt von einem sechsmonatigen Praktikum. Zu kurz, meint die Kriminologin Sofie De Kimpe: "Man kann diesen komplexen Beruf nicht innerhalb nur eines Jahres vermitteln. Wir stellen fest, dass vor allem im Ausland, wo Polizisten über einen längeren Zeitraum ausgebildet werden, diese flexibler sind, mehr Einfühlungsvermögen haben und viel besser mit Gewalt umgehen. Es ist auch wichtig, dass sie bessere soziale und kommunikative Fähigkeiten erlernen. De Kimpe fordert daher die Politik auf, die Polizeiausbildung auf drei Jahre zu verlängern. 

Nachstehend die Reportage über Polizeigewalt von Pano

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