Polizei bestätigt “größte Aktion aller Zeiten" in Belgien: "tonnenweise Kokain, Korruption in allen Schichten der Gesellschaft"

Die belgische Bundespolizei hat am Dienstag mit großer Schlagkraft gegen das organisierte Verbrechen ausgeholt. Es fanden 200 Hausdurchsuchungen statt, 48 Personen wurden festgenommen. Das gab die Staatsanwaltschaft auf einer Pressekonferenz bekannt. Nachdem die Polizei Zugang zu verschlüsselten Telefonen bekommen hatte, konnte sie mehr als zwei Jahre lang die Pläne einer Reihe von Kriminellen verfolgen. “Es handelt sich um die größte Aktion der Kriminalpolizei, die es je in unserem Land gab", sagte der Bundesstaatsanwalt Eric De Leeuw. 

Die Ende 2018 begonnene Untersuchung der belgischen Ermittler konzentrierte sich auf das kanadisch-amerikanische Unternehmen Sky ECC. Diese Firma bietet Telefone mit Verschlüsselungssoftware an. Weil diese Telefone fast ausschließlich von Kriminellen genutzt werden, leiteten die belgischen Behörden eine Untersuchung ein. 

Ein Viertel aller verschlüsselten Sky-ECC-Telefone in Belgien oder in den Niederlanden

Weltweit sind ca. 171.000 dieser Geräte im Umlauf, von denen derzeit ca. 70.000 aktiv sind. Einer von vier aktiven Nutzern ist in Belgien (6000) oder in den Niederlanden (12.000) zu finden. In Belgien wird die Hälfte dieser Telefone in und um den Hafen von Antwerpen verwendet. 

Ergebnis der Razzien

Die Ergebnisse der Operation sind beeindruckend: Die Polizei hat mehr als 14 Tonnen Kokain abgefangen und 1,2 Millionen Euro beschlagnahmt. Die Ermittler entdeckten auch 15 illegale Waffen, davon 6 Schusswaffen. Sie beschlagnahmten 8 Luxusfahrzeuge, 3 Geldautomaten und sogar Polizeiuniformen.  

Nach Angaben der Bundesanwaltschaft haben die Ermittlungen bereits Aufschluss über eine ganze Reihe von Straftatbeständen gegeben. "Die Arbeit fängt gerade erst an", echauffiert sich Eric Snoeck, der Generaldirektor der Bundeskriminalpolizei. "Es war die bisher größte Aktion der Kriminalpolizei in unserem Land."

Yve Driesen, Leiter der Bundeskriminalpolizei in Antwerpen, spricht von einem Meilenstein in der Geschichte der  kriminellen Ermittlungsarbeit und einem Einblick in die halluzinante Welt der kriminellen Parallelwirtschaft". "In Antwerpen haben wir top targets, die gleichzeitig mehrere Kokaintransporte leiten, Tonnen von Kokain, wöchentliche Geldübergaben in Millionen von Euro, Aufträge für Vergeltungsaktionen und Korruption auf allen Ebenen der Gesellschaft. Unglaublich."

Operation in den frühen Morgenstunden

Die Ermittler haben am Dienstag um 5 Uhr eine Operation gegen das organisierte Verbrechen, insbesondere den Drogen- und Kokainhandel, begonnen. Die Hauptkommandozentralen der Aktion befinden sich in Antwerpen und in Brüssel. Neben dem eigentlichen Drogenschmuggel und -handel haben die Ermittler auch Personen im Visier, die die Drogengeschäfte erleichtern, z. B. Informanten und Geldwäscher .

Verschlüsselte Chatbox

Der RTBF zufolge hat eine jahrelange Untersuchung zu dieser Razzia geführt. Beamte der Abteilung für Computerkriminalität konnten die verschlüsselte Chat-Anwendung "Sky Ecc" hacken. Diese Firma verkauft verschlüsselte Telefone (bei denen z. B. die Kamera-, Bluetooth- und GPS-Funktionen deaktiviert wurden)  mit  speziellen  Kommunikations-Apps. Zugriff auf die Chat-App hat der Polizei ermöglicht, Millionen von Nachrichten und Gesprächen zu lesen. 

Laut Tim Cools, Cybersecurity-Consultant (und früher bei der "Federal Computer Crime Unit" beschäftigt) ist das System von "Sky Ecc" extrem gut und hervorragend aufgebaut. “Es scheint mir sehr unwahrscheinlich, dass die Polizei dieses System hacken konnte. Eher konnten sie wohl den Kreis der Verdächtigen infiltrieren und hat ihnen jemand Zugang gegeben", sagt der Cybersecurity-Experte.

Die landesweite Razzia ist das Ergebnis von zweieinhalb Jahren Untersuchung. Der Einsatz soll noch den ganzen Vormittag andauern. Erst am Mittwoch will die Bundesstaatsanwaltschaft eine Pressekonferenz halten und über die Operation und die Festnahmen informieren.

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