Notruf 1712 erhält doppelt so viele Anrufe wegen häuslicher Gewalt: eindeutig Folge des Lockdown

Die Notrufnummer 1712 hat im vergangenen Jahr 8.059 Anrufe über Opfer häuslicher Gewalt entgegengenommen. Das ist ein Anstieg von 49 Prozent im Vergleich zu 2019 und gleichzeitig die höchste Zahl Hilferufe seit je. Die Ausgangssperre in der ersten Jahreshälfte 2020 hat eindeutig eine Rolle gespielt. 

Die Zahlen stammen aus dem gerade veröffentlichten Jahresbericht für 2020 der Beratungsstelle 1712. Bei den 8.059 Anrufen, die die Organisation im vergangenen Jahr erhielt, ging es um 11.305 (mögliche) Opfer von Gewalt, Missbrauch oder Kindesmisshandlung. 

Die Hilferufe kamen per Telefon (71 Prozent), E-Mail (18 Prozent) und Chat (11 Prozent). 

Die meisten Anrufe handelten von Kindesmisshandlungen und betrafen 6.407 (mögliche) Opfer: ein Anstieg von 45 Prozent im Vergleich zu 2019. 

Die Anzahl der Anrufe über Partnergewalt ist im vergangenen Jahr am stärksten gestiegen und betraf 2.011 (mögliche) Opfer. Das sind 85 Prozent mehr als noch vor 2 Jahren. 16 Prozent dieser Opfer waren männlich, 84 Prozent weiblich. 

Die Grafik zeigt, welche Art von Gewalt die Opfer zu spüren bekamen:

11 % der Anrufe brachten sexuelle Gewalt zur Sprache, 39 % körperliche Gewalt und 49 % emotionale Gewalt.

1712 ist eine Hotline, die Menschen anonym kontaktieren können. 71 Prozent der Personen, die sich im vergangenen Jahr an die Dienststelle gewandt haben, blieben anonym. Jeder Dritte war selbst ein Opfer, jeder Fünfte ein (Stief-)Elternteil eines Opfers. Auffallend war auch ein Anstieg der Anrufe von Nachbarn (1 von 10 Anrufen). 

Wim Van de Voorde, flämischer Koordinator der 1712, sieht mehrere Gründe für die starke Zunahme: “Zunächst einmal hat die Ausgangssperre Menschen gezwungen, den ganzen Tag gemeinsam zu Hause zu bleiben. Das führte zu mehr häuslicher Gewalt und veranlasste auch mehr Menschen, sich an uns zu wenden." 

"Außerdem haben wir länger geöffnet und mehrere Kampagnen durchgeführt. Dadurch ist unsere Notrufnummer besser bekannt geworden." 

Die neueste Kampagne von 1712 gegen Gewalt im Familienkreis fällt mit dem Start der neuen Dokumentarfilmreihe über Partnergewalt "Als je eens wist" von Hilde van Mieghem zusammen.  

In der Serie sprechen Opfer, Täter und Experten darüber, was Partnergewalt mit Menschen macht.  Die Organisation hofft, dass die Serie dazu beiträgt, das Tabu zu brechen, das immer noch auf Kindesmissbrauch und Partnergewalt ruht.   

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