Premier De Croo zur "Osterpause": "Wir haben uns für einen kurzen Schmerz entschieden"

Premierminister Alexander De Croo (Open VLD) sagte während der Pressekonferenz zum neuen Corona-Lockdown rund um Ostern in Belgien, dass er und die Ministerpräsidenten aus Ländern und Regionen sich für einen „kurzen Schmerz“ entschieden hätten, denn die sich rasch nach oben entwickelnden Coronazahlen erforderten zusätzliche Maßnahmen zur Einschränkung der weiteren Verbreitung des Virus. Doch folgte unmittelbar danach auch Kritik an den Maßnahmen.

„Die Zirkulation des Virus ist die höchste seit vier Monaten und der Druck in den Krankenhäusern ist so hoch, dass man sich die Frage stellen muss, wie lange man das noch halten kann.“, so der Premier. Diese neuen Maßnahmen zu erlassen, sei nicht leicht gewesen, „doch alle anderen Entscheidungen hätten besonders schwere Folgen, wie z.B. das weitere Aussetzen von Behandlungen in den Krankenhäusern. Darum haben wir uns für einen kurzen Schmerz entschieden und für eine Art ‚Osterpause‘, eine Abkühlungsphase von vier Wochen entschieden.“ 

"Licht am Ende des Tunnels"

Flanderns Ministerpräsident Jan Jambon (N-VA) pflichtete Premier De Croo bei: „Ich hatte gehofft, dass wir strengere Maßnahmen hinter uns hätten und dass die Sache unter Kontrolle sei. Doch wir haben keine andere Wahl. Wir müssen uns die Mühe machen und noch ein paar Wochen durchhalten. Ich sehe Licht am Ende des Tunnels. Die Impfungen beweisen ihren Effekt. Lasst sie nur jetzt in großen Karrenladungen heranschaffen…“

Diesen Enthusiasmus teilt aber bei weitem nicht jeder. Beim belgischen Frisörverband Febelhair fühlt man sich ins Visier genommen, denn andere „nicht-essentielle“ Bereiche würden offen bleiben und man könne weiter einkaufen gehen, wenn auch auf Absprache. 

Das wiederum sieht der Handels- und Einzelhandelsverband Comeos aber mit gemischten Gefühlen, denn in den meisten Fällen sei das nicht rentabel. 

Entschädigungen und die generelle Öffnung der vergangenen Wochen hätten die bisherigen Verluste noch nicht kompensieren können… 

Kritik aus dem Schulwesen

Im Katholischen Unterrichtswesen in Flandern sieht man aktuell noch viele Unklarheiten. Da vorläufig kein Kontaktunterricht in den unteren Unterrichtsstufen gegeben werden dürfe, könne es erst wieder nach den Osterferien Unterricht geben. Man könne nicht von jetzt auf gleich auf Distanzunterricht umschalten. Dort setzt man darauf, dass die Schulen nach den Ferien wieder in vollem Umfang mit ihren Unterrichten beginnen können. 

Flanderns Landesbildungsminister Ben Weyts (N-VA) regte sich nur kurz nach der Pressekonferenz der Regierungen regelrecht auf: „Der Ikea bleibt offen und die Schulen müssen dicht gemacht werden. Kinder treffen, um Geschäfte offen zu halten, das verstehe ich nicht. Das ist nicht meine Sicht auf die Gesellschaft!“ Er reagierte denn auch bitter enttäuscht: „Wir haben in den vergangenen Wochen mit allen Schulträgern Seite an Seite Blut und Wasser geschwitzt, um unsere Schulen sicher offenhalten zu können. Wir sind weiter der festen Überzeugung, dass wir als Gesellschaft unserer Bildung, unseren Kindern und Jugendlichen Vorrang einräumen müssen und dies nicht nur mit Worten, sondern auch mit Taten. Und nein, unsere Kinder und unsere Schulen sind nicht der Motor dieses Virus.“ 

Weyts will jetzt prüfen lassen, ob es in Flandern nicht doch zu Distanzunterricht in allen Bereichen kommen kann. Im Schul- und Bildungswesen herrscht allgemeines Unverständnis, wowohl bei den einzelnen Instituten und Schulträgern, als auch bei den Lehrergewerkschaften. Hochschulen und Unis stellen sich die Frage, warum sie keine Unterrichte mehr geben dürfen. Sie würden bereits seit Monaten fast auf ganzer Ebene Distanzunterricht geben und dies funktionieren bestens, hieß es von dieser Seite her. 

Reichen diese Maßnahmen überhaupt?

Der Virologe und Leiter des staatlichen belgischen Gesundheitsamtes Sciensano, Steven Van Gucht, ist davon überzeugt, dass die jetzt ergriffenen Maßnahmen schon ihren Effekt auf das Virus haben werden, „doch ein echter Lockdown, wie im Ausland, ist das nicht.“ In den VRT-Mittagsnachrichten sagte Van Gucht am Mittwoch, er sei nicht sicher, dass man damit auf Dauer die Kurve der Entwicklung der Ansteckungen und der Krankenhausaufnahmen von Corona-Patienten auf Dauer nach unten biegen könne:

„Man kann diese Maßnahmen mit denen des 2. Lockdowns im November vergleichen. Damals sind die Zahlen anfangs stark nach unten gegangen, doch dann sind sie auf einer Ebene von 2.000 neuen Infizierungen und 120 Krankenhauseinweisungen pro Tag stecken geblieben. Wir haben es leider nicht geschafft, darunter zu kommen. Dabei hat man niemals einen Spielraum, wenn die Situation mal eben schlechter wird.“

Van Gucht hofft jetzt, dass die Osterferien, wie damals die Weihnachtsferien, einen Effekt haben werden: „Damals hatten wir uns in unsere eigenen Haushalte, in unsere kleine ‚Blase‘ zurückgezogen. (…) Die meisten Ansteckungen passieren noch immer im privaten Bereich und da kann die Regierung nichts dran tun.“ Deshalb appellieren alle Beteiligten auch dieses Mal wieder an die Bürger unseres Landes, sich an die geltenden Regeln zu halten. 

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