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Mehr Jugendgewalt und Vandalismus? "Wegen Corona suchen Jugendliche nach einem Kick“

In letzter Zeit kommt es immer öfters zu sinnloser Gewalt und Vandalismus unter Jugendlichen. Am gestrigen Sonntag wurde wieder ein zwölfjähriger Junge in Leefdaal bei Leuven (Provinz Flämisch Brabant) Opfer sinnloser Gewalt. Der Junge wurde ohne Grund von einer Gruppe von Kindern verprügelt. Laut Kinderpsychiaterin Eva Kestens könnte das etwas mit der Coronakrise zu tun haben. "Kindern, die sich daneben benehmen, fehlt oft ein Ventil und ein offenes Ohr.

Eva Kestens ist Kinder- und Jugendpsychiaterin im Zentrum ‚Ter Wende‘ in Leuven und Haren. Dort werden junge Menschen mit psychosozialen Problemen betreut. Auch dort wird festgestellt, dass es Kinder und Jugendliche in letzter Zeit schwerer haben. "Meine Kollegen, die ambulant arbeiten, sind derzeit überfordert mit Kindern und Jugendlichen, die eine sehr schwierige Zeit durchmachen", stellt die Psychiaterin fest. "Kinder, die zu uns kommen, leiden oft unter Depressionen, und auch Essstörungen sind häufig."

Elterliche Aufsichtspflicht

Eva Kestens weist darauf hin, dass es einen Zusammenhang zwischen der Coronakrise und sinnloser Gewalt und Vandalismus unter Jugendlichen gibt: "Momentan haben die Jugendlichen viel weniger zu tun. Viele ihrer Hobbys finden wegen der Pandemie nicht statt und sie haben das Gefühl, dass nur wenige Dinge erlaubt sind. Das lässt sie nach anderen Dingen suchen, die ihnen einen Kick geben. Und auch die Aufsicht der Eltern ist oft reduziert. Es gibt Eltern, die jetzt besonders hart arbeiten müssen, weil sie z.B. in der Pflege arbeiten. Viele Eltern tun sich aber auch selbst schwer oder haben Konflikte mit ihren Kindern wegen der Corona-Regeln. Manche Eltern sind es leid, ständig mit ihren Kindern diskutieren zu müssen, damit sie zu Hause bleiben."

Jugendliche haben sowohl einen Lern- als auch ein Lebensdefizit erlitten
Eva Kestens, Kinder- und Jugendpsychiaterin

Auch die Schule spielt laut Kestens eine wichtige Rolle. "Wenn junge Menschen zur Schule gehen, gibt es einfache eine deutliche Struktur in ihrem Leben und sie haben mehr soziale Kontakte. Es ist auch wichtig, dass sich die Schulen die Zeit nehmen, ihren Schülern zuzuhören und versuchen, zu beurteilen, wie es ihnen geht. Letztes Jahr wurde alles gestrichen, was in der Schule Spaß macht, wie zum Beispiel Ausflüge.“

Schulen sollten nach Ausflügen suchen, die sie auch in Vierergruppen durchführen können. Denn neben dem Lernen kommen auch die sozialen Erfahrungen der Kinder zu kurz, und die sind von größter Bedeutung. "Junge Menschen kommen momentan nicht nur im Lernen, sondern auch im Leben einfach zu kurz, hörte ich einen Lehrer sagen, und das trifft es ganz gut", sagt die Kinder- und Jugendpsychiaterin.

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