Wissenschaftler empfehlen eine logischere Herangehensweise an die Corona-Politik

Drei frankophone Brüsseler Wissenschaftler haben am Montag in einem offenen Brief, der in der Tageszeitung Le Soir erschienen ist, für eine andere Herangehensweise an die Corona-Epidemie plädiert. Sie regen eine andere Strategie an, in der versucht werden soll, davon auszugehen, was möglich sein kann, statt weiter mit Lockdowns zu arbeiten. Diese Idee findet inzwischen landesweit Zustimmung.

Marius Gilbert, Epidemiologe an der frankophonen Freien Brüsseler Universität ULB sowie die beiden Infektiologen Leila Belkhir (Uniklinik Saint-Luc in Woluwe) und Nathan Clumeck (Klinik CHU Saint-Pierre in Brüssel) sind der Ansicht, dass das Jo Jo-Spiel mit Lockerungen und Lockdowns, mit Schließungen und Öffnungen, die nach einer kurzen Zeit wieder zurückgenommen werden müssen, nicht mehr der richtige Weg ist.

Angesichts der für Mittwoch angekündigten Sitzung des Konzertierungsausschusses der Regierungen von Bund, Ländern und Regionen zum Thema Corona raten die drei Wissenschaftler dazu, eher davon auszugehen, was möglich ist, als davon, was nicht möglich ist. Sie empfehlen für die besonders betroffenen Sektoren, wie Gastronomie und Kultur oder Einzelhandel und Kontaktberufe, eine Art „covid safe“-Label auf Basis von Parametern, wie gute Lüftung, mögliche Abstandseinhaltung, Dauer von Aufenthalten, Mundmaskenpflicht und anderen Corona-Basisregeln, sowie mehr Zulassungen für Aktivitäten unter freiem Himmel. 

Wir haben diese Initiative auf Basis dessen ergriffen, was sich heute alles abspielt.“

Nathan Clumeck, (Infektiologe CHU Saint-Pierre in Brüssel) in „Terzake“

Professor Clumeck sagte dazu am Montagabend in der VRT-Talksendung „Terzake“ („Zur Sache“), es zeige sich, dass die Entwicklung für die Gesellschaft nach rund einem Jahr Corona-Maßnahmen nicht mehr haltbar sei: „Wir haben diese Initiative auf Basis dessen ergriffen, was sich heute alles abspielt. Es gibt große Treffen von Jugendlichen, illegale Restaurants und zuletzt noch das Drama eines Jungen, der bei der Flucht vor der Polizei ums Leben gekommen ist.“ Zur Erinnerung: In Antwerpen war ein 21-Jähriger bei der Flucht vor der Polizei im Rahmen einer Razzia gegen eine illegale Coronaparty in einem Antwerpener Hotel aus einem Fenster gestürzt und dabei ums Leben gekommen. 

Wenn wir nichts unternehmen, befürchte ich, dass es zu mehr Protestaktionen kommt, mit mehr Repression als Folge und möglicherweise mit mehr Gewalt.“

Nathan Clumeck, (Infektiologe CHU Saint-Pierre in Brüssel) in „Terzake“

Er und seine beiden Kollegen sind der Ansicht, dass Belgien in Sachen Kampf gegen Corona und die gesellschaftlichen Folgen davon an einem Wendepunkt steht: „Wenn wir nichts unternehmen, befürchte ich, dass es zu mehr Protestaktionen kommt, mit mehr Repression als Folge und möglicherweise mit mehr Gewalt.“ Man müsse damit aufhören, mit einer Logik aus Lockdowns vorzugehen und stattdessen nach dem schauen, was möglich sein kann, um die Freiheit der Menschen wieder zu vergrößern.

Clumeck sagte in „Terzake“ unverblümt, dass sich die Politik vom Druck der mächtigen Lobbygruppen befreien müsse und stattdessen Spielregeln vorlegen soll, die für alle gelten und nicht nur für bestimmte Sektoren, während andere Bereiche ständig benachteiligt würden. Bei einigen Parteien aus der Mehrheit auf belgischer Bundesebene finden diese Ideen ein positives Echo und auch auf Seiten einiger Bürgermeister - auch in Flandern, die ja letztendlich für die Handhabe der öffentlichen Ordnung zuständig sind, kann der offene Brief der drei Wissenschaftler aus dem frankophonen Spektrum in Brüssel auf Beifall zählen. 

Meist gelesen auf VRT Nachrichten