Lockerungen der Corona-Maßnahmen? Belgiens Gesundheitswesen hegt Bedenken

Im belgischen Gesundheitswesen macht man sich Sorgen über die von der Regierung angekündigten Lockerungen der Corona-Maßnahmen. Noch seien die Zahlen im Bereich neue Ansteckungen nicht tief genug gesunken und vor allen Dingen sei der Druck auf die Mitarbeiter in den Krankenhäusern und dort besonders auf den Intensivstationen zu hoch, als dass man in so kurzer Zeit einen Stufenplan zu Lockerungen zulassen sollte, so der Grundtenor. Viele warnen vor den Risiken, auf die sich die Politik einlässt.

Auch wenn Bundesgesundheitsminister Frank Vandenbroucke (Vooruit) daran erinnert, dass alle jetzt in die Wege geleiteten Lockerungen nur dann umgesetzt werden dürfen, wenn sich der Zustand auf den Intensivstationen signifikant verbessere, bleiben Intensivmediziner, Virologen und Infektiologen eher besorgt. Und, zu weiteren Lockerungen im Hinblick auf den Sommer könne es nur kommen, so Vandenbroucke, wenn Anfang Juni weniger als 500 Corona-Patienten auf den Intensivstationen liegen würden und wenn bis dahin mindestens 70 % der Über-65-Jährigen gegen Covid-19 geimpft sind. Doch auch diese Aussage wirkt nicht wirklich beruhigend auf den Sektor.

Wir haben keine Marge mehr auf den Intensivstationen.“

Steven Van Gucht, Virologe und Sciensano-Leiter

Aktuell ist die Lage dort weiter sehr ernst und der Virologe und Leiter des staatlichen wissenschaftlichen Gesundheitsamtes Sciensano, Steven Van Gucht sagte am Mittwoch: „Wir haben keine Marge mehr auf den Intensivstationen.“ Auch Margot Cloet, Leiterin des Pflege-Dachverbandes Zorgnet-Icuro in Flandern, hegt Bedenken, wie sie am Mittwochabend gegenüber VRT NWS andeutete: „Wenn ich sehe, dass man ab dem 26. April drei Register zieht - mehr Menschen dürfen sich treffen, Öffnung der Kontaktberufe und freies Einkaufen - und kurz danach darf die Gastronomie die Terrassen öffnen, dann bekomme ich Herzrasen.“ 

Schließt Sciensano nur mal, wenn Infizierungszahlen sind auch nicht mehr nötig.“

Dirk Devroey, Dekan VUB

Knallhart reagierte der Dekan der Fakultät Medizin und Pharmazie an der Freien Universität Brüssel (VUB), Dirk Devroey via Twitter: „Schließt Sciensano nur mal, wenn Infizierungszahlen sind auch nicht mehr nötig.“ So hart mit den Lockerungen geht Marc Noppen, CEO der Brüsseler Uniklinik (UZ Brussel) nicht. Für ihn ist der Begriff „unter Vorbehalt“ wichtig, doch auch er erinnert an den Hochdruck in den Kliniken: „Wir befinden uns auf einem hohen Wert, vor allem auf Intensiv. Jeden Morgen überprüfen wir die Listen der Leute, die behandelt werden können und der Leute, die jetzt gerade nicht behandelt werden.“ 

Wir gehen mit Sicherheit ein Risiko ein. Lasst es uns nicht vermasseln, so kurz vor der Ziellinie.“

Erika Vlieghe, GEES

Für die Bakteriologin der Uniklinik von Antwerpen (UZ Antwerpen), Erika Vlieghe, sind die aktuellen Corona-Zahlen weiterhin besorgniserregend. Die Leiterin des Beratungsgremiums der Regierung in Sachen Corona, GEES, ist der Ansicht, dass es schwierig ist, die noch stets schwierige Infektionslage mit der emotionalen Lage der Menschen im Land unter einen Hut zu bringen: „Die Lockerungen bringen eine Zunahme der Kontakte und wir wissen nicht, wie das in der Gesellschaft interpretiert wird.“ Man sollte das strenger kontrollieren, so Vlieghe: „Wir gehen mit Sicherheit ein Risiko ein. Lasst es uns nicht vermasseln, so kurz vor der Ziellinie.“ 

Meist gelesen auf VRT Nachrichten