Vor 100 Jahren durften belgische Frauen zum ersten Mal wählen

Heute vor genau 100 Jahren, am 24. April 1921, gingen in Belgien zum ersten Mal mehr als zwei Millionen Frauen an die Wahlurnen, als Wählerinnen und Kandidatinnen. Frauen (außer Prostituierte und Ehebrecherinnen)  hatten das Wahlrecht bei den Kommunalwahlen erhalten, und zum ersten Mal konnten auch Frauen gewählt werden, obwohl ihre Zahl noch sehr begrenzt war. Doch erst 1948 hatten alle belgischen Frauen Zugang zu den Wahlurnen.

Bei den Kommunalwahlen 1921 hatten zum ersten Mal alle Männer und Frauen über 21 Jahren das Wahlrecht in Belgien.

In der Tat war dies nicht das erste Mal, dass Frauen wählen durften. Bei den Parlamentswahlen von 1919 gab es bereits eine sehr begrenzte Anzahl von Wählerinnen: Frauen, die während des Krieges wegen patriotischer Handlungen von der deutschen Besatzungsmacht inhaftiert worden waren, aber auch Witwen oder Mütter gefallener Soldaten oder von der Besatzungsmacht getöteter Zivilisten. Insgesamt gab es damals nur 11.823 Wählerinnen. Und diese Zahl sank in der Folgezeit, vor allem, weil Kriegswitwen, die wieder heirateten, ihr Wahlrecht verloren hatten...

Das Gesetz vom 15. April 1920 gewährte den Frauen das Wahlrecht bei den Kommunalwahlen. Ausgenommen waren jedoch Prostituierte und Ehebrecherinnen (Ehebruch war zu dieser Zeit noch strafbar). Dieser Ausschluss galt nicht für Männer. Und am 24. April 1921 nahmen Frauen zum ersten Mal an den Kommunalwahlen teil.

Das war ein großer Fortschritt, denn bis zum Ersten Weltkrieg hatten die belgischen Frauen überhaupt kein Wahlrecht. Die rechtliche und soziale Stellung der Frauen war in fast allen Bereichen minderwertig.

International gewährten dann schon viele Länder das Frauenwahlrecht. Während oder unmittelbar nach dem ersten Weltkrieg erhielten Frauen das Wahlrecht in Russland, den Niederlanden, Deutschland, Österreich und (in begrenztem Umfang) im Vereinigten Königreich.

Links: Marthe Boël-de Kerckhove de Denterghem, prominente liberale Feministin. Rechts: Marie Spaak-Janson, sozialistische Aktivistin. Sie war die erste Frau, die ins Parlament einzog (als kooptierte Senatorin).

Typisch belgischer Kompromiss

Warum durften belgische Frauen für den Gemeinderat wählen, aber nicht für das Parlament? Dies war das Ergebnis eines Kompromisses zwischen den drei wichtigsten politischen Parteien der Zeit - Katholiken, Liberale und Sozialisten - über die Reform des Wahlrechts.

Bis zum ersten Weltkrieg galt in Belgien das Pluralwahlrecht. Jeder belgische Mann über 25 Jahre hatte mindestens eine Stimme. Wer genug Steuern zahlte, ein Diplom, eine Familien oder eine Immobilie hatte, erhielt eine oder zwei zusätzliche Stimmen. Dieses System, selbst ein Kompromiss, begünstigte die katholische Partei, die damit eine komfortable Mehrheit im Parlament hatte.

Die ärmeren Bevölkerungsschichten, wie z.B. die Arbeiter, waren am wenigsten gut vertreten. Die Sozialistische Partei, die damals noch Belgische Arbeiterpartei hieß, hatte schon lange die Abschaffung des Pluralwahlrecht gefordert.

Am Ende des Ersten Weltkrieges bekamen die Sozialisten, was sie wollten. Im November 1918 wurde von den drei Parteien eine Regierung der nationalen Einheit gebildet. Es wurde vereinbart, dass sofort Wahlen nach dem Prinzip "ein Mann, eine Stimme" abgehalten werden sollten. Aber was war mit Frauen? Darüber gab es im Parlament heftige Diskussionen.

Befürchtet wurde, dass Frauen nach den Anweisungen ihres Priesters wählen

Kurioserweise war es bei diesen Diskussionen die katholische Partei, die das Frauenwahlrecht verteidigte. Das ist seltsam, denn die katholische Partei bestand stark darauf, dass die primäre Rolle der Frau in Haus und Familie lag.

Der prominente und sehr konservative Katholik Charles Woeste, der alle demokratischen und sozialen Reformen abgelehnt hatte, wurde sogar zu einem der größten Befürworter des Frauenwahlrechts. Der Grund war einfach. Im katholischen Belgien ginge die Frauen viel treuer zur Kirche als die Männer. Die katholische Partei verließ sich auf die Stimmen der Frauen zu einer Zeit, als die Partei die offene Unterstützung der Kirche hatte. In ihren Predigten warnten die Priester, dass es eine Sünde sei, eine andere Parteien zu wählen.

Die Liberalen lehnten das Frauenwahlrecht vehement ab, weil, so meinten sie, die Frauen wählen würden, was ihnen die Priester empfahlen. Die Sozialisten hatten das Frauenwahlrecht bereits seit 1891 in ihrem Programm, doch in der Praxis fürchteten auch sie den Einfluss des Klerus. Deshalb schlugen sie vor, den Frauen das Wahlrecht zu gewähren, aber schrittweise.

Ein weiteres Argument der Gegner war, dass die Frauen selbst nicht um das Wahlrecht gebeten hatten. Das ist nicht ganz richtig, aber Belgien hatte keine militante Frauenbewegung wie zum Beispiel die Suffragetten in England. Die meisten der hiesigen "Suffragetten" kamen aus der Oberschicht. Frauen aus den ärmsten Bevölkerungsschichten hatten andere Sorgen als das Frauenwahlrecht. Viele von ihnen hatten keine oder nur eine geringe Schulbildung. Obwohl viele Frauenorganisationen das Wahlrecht forderten, beschäftigten sie sich deshalb in erster Linie mit den materiellen und sozialen Problemen der Frauen.

Nach erbitterten Diskussionen beschloss das Parlament schließlich, dass Frauen bei Parlamentswahlen vorerst nicht wählen durften, aber die Möglichkeit, dies in der Zukunft einzuführen, erleichtert wurde. Andererseits durften Frauen für Gemeinde- und Provinzräte wählen (obwohl dieser letzte Punkt aufgrund des Widerstands der Liberalen schließlich nicht realisiert wurde).

Frauen konnten sich nun zur Wahl stellen, auch für ein Mandat, für das sie nicht wählen durften. Ende 1921 zog zum ersten Mal eine Frau ins Parlament ein - als kooptierte Senatorin. Und bei den Kommunalwahlen in diesem Jahr konnten auch Frauen kandidieren.

Zur Zeit dieser Wahlen konnten Frauen zwar Stadtverordnete werden, aber noch nicht Bürgermeisterin oder Schöffin. Erst vier Monate später, am 27. August, wurde ein Gesetz verabschiedet, das dies ausdrücklich erlaubt. Verheiratete Frauen mussten jedoch die Erlaubnis ihres Mannes einholen. Außerdem musste eine weibliche Bürgermeisterin ihre Polizeibefugnisse an einen männlichen Ratsherrn übertragen.

Erste Frauen im Gemeinderat

Obwohl es mehr Wählerinnen als Wähler gab (der Unterschied hatte sich durch den Krieg vergrößert), führten diese Kommunalwahlen nicht sofort zu einer Feminisierung der Gemeinderäte. In 146 Gemeinderäten - von insgesamt über 2.600 - wurden eine oder, noch seltener, mehrere Frauen gewählt. Insgesamt gab es nur 196 weibliche Ratsmitglieder, weniger als ein Prozent der Gesamtzahl.

Das liegt vor allem daran, dass nur sehr wenige Frauen auf den Wahllisten standen. In der Mehrzahl der Gemeinden - Belgien hatte viel mehr Gemeinden als heute - gab es nicht einmal eine einzige weibliche Kandidatin.

Auffällig ist, dass viele der gewählten Frauen alleinstehend waren. Die meisten von ihnen kamen von der katholischen Partei - immer noch die mit Abstand größte -, die das Prinzip verteidigt, dass Ehefrauen und Mütter keine öffentlichen Ämter bekleiden durften.

Natürlich war die Zahl der Bürgermeisterinnen und Schöffinnen noch geringer. Nach den Wahlen von 1921 wurden 6 Frauen Bürgermeisterin und 13 Ratsfrauen. Diese ersten sechs Bürgermeisterinnen leiteten alle eine kleine ländliche Gemeinde - drei flämische und drei wallonische. Es ist kein Zufall, dass die meisten von ihnen einer angesehenen Familie angehörten, die bereits Bürgermeister gehabt hatte. Zwei von ihnen waren sogar Mitglieder des Adels. Damals hatten kleine Dörfer oft den lokalen Schlossherrn oder einen Großgrundbesitzer als Bürgermeister.

Die allererste Frau, die zur Bürgermeisterin ernannt wurde, war am 3. September 1921 Léonie Keingiaert de Gheluvelt (siehe Foto unten). Sie war die letzte - unverheiratete - Nachfahrin einer Familie, die mehrere Bürgermeister in der Gemeinde Geluveld (heute Teil von Zonnebeke) in Westflandern gestellt hatte.

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