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"Selbsthass in Stein"? Am Anbau von Het Steen scheiden sich die Geister

Das neue Kreuzfahrtterminal, angebaut am ältesten Gebäude von Antwerpen, Het Steen, sorgt für Zähneknirschen an der Schelde: Der quadratische Ziegelsteinbau zerstöre die Ausstrahlung der mittelalterlichen Burg. Kritiker fordern sogar, dass er wieder abgerissen wird, noch bevor der Bau fertig ist. Stadtarchitekt Christian Rapp dagegen verteidigt das modernistische Projekt, denn es bringe das historische Gebäude durch seine Schlichtheit gerade zur Geltung. Schriftsteller Jeroen Olyslaeghers nennt es "Selbsthass in Stein".

Het Steen ist das älteste Gebäude in Antwerpen. Gewisse Teile stammen noch aus der Zeit zwischen dem 12. und 13. Jahrhundert. Nach dem die Burg im 16. Jahrhundert von Grund auf erneuertwurde,  erfüllte sie verschiedene Funktionen, war mal Kerker und auch mal Museum. Bereits in den 1950er Jahren wurde Het Steen um einen Anbau ergänzt. Dieser wurde nun abgerissen, um Platz zu machen für ein neues Kreuzfahrtterminal und eine Tourismus-Infostelle. Die Pläne waren 2016 genehmigt worden. 

Jetzt, wo das Gebäude fast fertig ist und sichtbar wird, bricht die Kritik nicht ab: Ein langweiliger Wohnblock für die einen, ohne Bezug zum historischen Gebäude, eine Schande für die anderen.  

“Entweder man stellt etwas hin, das dazu passt, oder etwas, das heraussticht, aber jetzt haben sie dort ein hässliches Gebäude hingestellt", sagte ein Passant zum VRT-Regionalsender Radio 2.   

Antwerpens Stadtarchitekt Christian Rapp bleibt angesichts der Kritik gelassen. "Es war der beste Beitrag von 5 Entwürfen.” In der Jury saßen Vertreter von der flämischen Denkmalschutzbehörde, ein Vertreter von der Stadtregierung, der flämische Baumeister, der Stadtarchitekt und Professoren.  

Havenhuis in Antwerpen

Viele Kritiker verweisen auf das Hafenhaus (oben), das inzwischen zu einem markanten Wahrzeichen in der Skyline von Antwerpen geworden ist. Auch an diesem Projekt gab es anfangs viel Kritik: "Man kann nicht überall ein Hafengebäude hinstellen. Wir hatten die Wahl zwischen einem architektonischen Kontrast oder einem Gebäude, dessen Schlichtheit dieses historische Gebäude in seiner ganzen Pracht erstrahlen lassen würde", entgegnete Rapp.  

Dieser findet es noch zu früh, um ein Urteil zu fällen: "Urteilen Sie erst, wenn der Steenplein und die Kais gebaut sind und Sie die Fundamente der Burg wieder sehen können. Dann wird der Eindruck viel weniger negativ sein.” 

Unterschriftensammlung

In der Zwischenzeit wurde eine Unterschriftensammlung gestartet, um den Neubau unverzüglich abzureißen. Unterschrieben haben bereits mehr als 2.200 Menschen. Der Antwerpener Schriftsteller Jeroen Olyslaeghers  erkennt “... eine gewisse Funktionalität am Rande des Pathologischen, ohne Stolz, ohne Bewusstsein, ohne Selbstrespekt: Selbsthass in Stein.” 

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