Zu viele Lockerungen auf einmal? Pflegesektor und Experten sind besorgt

Im Pflege- und Krankenhausbereich ist die Sorge, dass die am Dienstag vom Konzertierungsausschuss ermöglichten Lockerungen der Corona-Maßnahmen zu schnell und zu massiv kommen, ebenso groß, als bei einigen Experten. Ein Problem dabei ist, dass noch keine Analyse der letzten Stufe der Lockerungen durchgeführt wurde. Eine Auswahl von Äußerungen gegenüber VRT NWS.

"Die Zahlen auf den Intensivstationen sind noch hoch"

Margot Cloet, die Vorsitzende Dachverbandes des größten Krankenhausnetzes in Flandern, Zorgnet-Icuro, kritisiert, dass neue Lockerungen vorgenommen wurden, ohne im Vorfeld den Impakt der Terrassenöffnung am 8. Mai zu analysieren: „Die Zahlen auf den Intensivstationen sind noch hoch. Sie sinken zwar glücklicherweise, doch die Gesamtbelegung liegt noch immer bei 90 %.“ Cloet befürchtet, dass sich die Lage wieder verschlechtern könne. Dies dürfe auf keinen Fall passieren: „Wenn es weiter besser geht, können wir verschobene Pflegevorgänge nachholen, doch wenn die Zahlen wieder schlechter werden, müssen wir wieder Patienten außen vor lassen. (…) Den Rückstand aufholen wäre im Sinne der Volksgesundheit.“

"Wir ertrinken hier in Arbeit"

Sorgen macht sich auch das medizinische Personal in den Krankenhäusern. Auf der Intensivstation der Uniklinik AZ Nikolaas in Sint-Niklaas in Ostflandern sind 12 der vorhandenen IC-Betten mit Corona-Patienten belegt. Vanessa Van Osselaer, die Leiterin der dortigen Corona-Abteilung, sagte am Dienstag ebenfalls, dass man besser die Resultate der letzten Lockerungen abgewartet hätte, als jetzt so viele neue Erleichterungen anzukündigen: „Wir ertrinken hier in Arbeit und dann doch solche Lockerungen. Das ist für uns nicht schön, sondern sogar frustrierend.“

"Eine große Unbekannte ist die indische Variante"

Auch die Virologin Erika Vlieghe, Vorsitzende der GEMS-Arbeitsgruppe, die die Regierung in Sachen Exit-Strategie berät, stellt sich die Frage, ob dies wirklich der richtige Augenblick für solche massiven Lockerungen ist: „Für Juni steht viel auf der Agenda. (…) Eine der großen Unbekannten ist die indische Corona-Variante. Die rückt außerhalb Indiens schnell vor, auch in Belgien.“ Vlieghe reagiert behutsam auf solche Entwicklungen, deren Ausmaß man schließlich noch nicht kenne. Für positiv hält die Virologin allerdings die Tatsache, dass die Regierungen ihre Lockerungen an Bedingungen im medizinischen Bereich koppelt, wie z.B. die Zahl der Intensivpatienten (maximal 500) und die Impfzahlen: „Es ist gut, dass ein Auffangnetz vorliegt. Das weniger als 500 Leute auf Intensiv liegen, ist ein guter erster Schritt, doch ich habe es schwer damit, dass die gleiche Bedingung auch bei großen Lockerungen gilt. Wenn beim Start von großen Festivals noch 400 Patienten intensiv behandelt werden müssen, ist das ein Zeichen dafür, dass das Virus noch in hohem Maße zirkuliert.“

"Es besteht die Befürchtung, dass die indische Variante hier noch Öl ins Feuer gießen kann"

Dirk Devroey, Professor für hausärztliche Medizin an der Freien Universität Brüssel (VUB), befürchtet, dass Lockerungen vor einem ausreichenden Spielraum auf den Intensivstationen eine Hypothek darstellen: „Wir können die Hypothek noch abbezahlen, doch dann darf nichts mehr passieren. Es besteht die Befürchtung, dass die indische Variante hier noch Öl ins Feuer gießen kann.“ Auch Devroey erinnert daran, dass die Krankenhäuser durch Covid-19 noch immer auf vollen Touren drehen und dass die Lockerungen für alle gelten, aber nicht für das Pflegepersonal in den Kliniken: „Die dürfen weiterarbeiten. Ich kann ihnen versichern, dass wir zurzeit keine Pflegeleute mehr finden, die wir für Impfungen oder Tests freistellen können. Gerade jetzt, wo wir mehr testen müssen, weil wieder Urlauber abreisen oder zurückkommen.“

"Wir sollten ambitionierter sein"

Der Virologe und Leiter des staatlichen wissenschaftlichen Gesundheitsamtes Sciensano, Steven Van Gucht, schwankt nach eigenen Angaben zwischen Zufriedenheit und Sorge hin und her: „Ich bin froh, dass es wieder Perspektiven gibt und ich bin besorgt, weil alles ein bisschen zu schnell geht.“ Das Paket der Lockerungen sei doch „eine seriöse Stulle“, so der Virologe. Van Gucht hält es ebenfalls für ein Problem, dass die Zahl der 500 IC-Patienten als Schwellenwert auch noch im Juli und August gilt: „Das sind trotzdem noch sehr viele sehr kranke Patienten. Wir würden lieber sehen, dass die Zahl dann noch weiter zurückgeht. Wir sollten echt ambitionierter sein, wenn wir im September eine Normalisierung erreichen wollen.“ 

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