Zahlen steigen dramatisch an: Enorm viele Langzeit-Burn-outs und -Depressionen in Belgien

Das Landesinstitut für Kranken- und Invalidenversicherung (LIKIV) in Belgien meldet, dass die Zahl der Langzeitpatienten, die an einem Burn-out oder an einer Depression leiden, innerhalb der vergangenen 4 Jahre um etwa 40 % auf rund 112.000 Fälle angestiegen ist - Stand 31. Dezember 2020. Der Großteil dieser Patienten leidet an Depressionen. 

Elke Van Hoof, Professorin für klinische Psychologie an der Freien Universität Brüssel (VUB), ist von diesen dramatischen Zahlen nicht wirklich überrascht: „Wir beobachten schon Zeit einiger Zeit, dass viel mehr Menschen unter stressrelevanten Kräften leiden. Das kommt durch neue Technologien und durch die Tatsache, dass wir diese nicht wirklich beherrschen. Wir sind die ganze Zeit online. Für die Arbeit, für uns selbst, um uns ein Image zu geben oder aus anderen Gründen. Vor allem seit der Pandemie haben die Leute den Eindruck, dass sie Informationen von überall her bekommen: SMS, WhatsApp, Email, Zoom… Man hat das Gefühl, dass man stets den Ereignissen hinterherläuft, was zu Stress führt. Und dem hält unser Gehirn nicht stand. Wir haben keine Ruhepausen ehr, wodurch unsere Widerstandskraft abnimmt.“

Anstieg vor allem bei Selbständigen

Die Gesamtzahl der Langzeitpatienten, die mehr als ein Jahr lang arbeitsunfähig sind, stieg im Allgemeinen zwischen Anfang 2016 und Ende 2020 um gut 20 %. Die Zahl der Patienten, die nach einem Burn-out oder nach einer Depression mehr als ein Jahr lang nicht mehr arbeiten gehen konnten oder können, stieg im selben Zeitraum auf das Doppelte. Rund eine halbe Million Menschen sind aktuell in Belgien durch das eine oder andere Krankheitsbild arbeitsunfähig. 

Und Corona?

Die Zahlen der LIKIV sagen bereits jetzt einiges zum Einfluss der Corona-Gesundheitskrise auf diese Entwicklung aus, doch auf die effektiven mentalen Folgen davon muss man noch bis Ende 2021 warten, denn erst dann werden diese Zahlen statistisch ausgewertet.

Doch VUB-Professorin Van Hoof befürchtet schon jetzt das Schlimmste: „Seit dem Beginn der Pandemie sehen wir, dass die Zahl derer, die in solchen Dingen eher widerstandsfähiger sind, zurückgeht und zwar von jedem Fünften bisher auf etwa jeden Dritten arbeitenden Belgier. Umgekehrt beobachten wir, dass die Zahl derer, die unter Stress leiden, vor der Pandemie weitaus niedriger lag, als heute, wo etwa jeder Vierte davon betroffen ist.“

Wie kann man das lösen?

Professorin Van Hoof sieht einen deutlichen Lösungsansatz: „Wir müssen mehr in die Arbeitsumstände investieren und die Arbeit angenehmer gestalten. Es muss zu kreativeren Systemen kommen, um den Arbeitsdruck besser zu verteilen, je nach dem, wie die Gesellschaft älter wird. Wir müssen die, die lange ausfallen, auch wieder in den Arbeitsmarkt zurückbegleiten.“ 

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