BOUMEDIENE BELBACHIR

"Pinball Mania" oder Flipper spielen im "Jenevermuseum"

Das „Jenevermuseum“ in der limburgischen Provinzhauptstadt Hasselt lockt in diesen Tagen mit einer ganz besonderen Ausstellung. „Pinball Mania“ widmet sich den Flipperspielen, die vor allem in den 1980er Jahren in jeder Kneipe zu finden waren. Doch was haben Flipperkästen und Genever mit einander zu tun? Ganz einfach: Sie gehör(t)en zu einer Kneipe, wie Bier und (einst) Jukeboxen und gelten als soziales Bindemittel zwischen den Menschen. 

„Pinball Mania“ in Hasselt ist eine kleine aber feine Ausstellung. Sie zeigt rund 20 Flipper, Flipperkästen und frühe Kneipenspiele aus der Frühzeit und aus dem Zeitraum 1940er- bis Anfang der 2000er-Jahre, die allesamt aus Privathand kommen und teilweise auch noch funktionieren. Gezeigt wird die ganze Bandbreite: Von einfachen Flippern mit Nagelhindernissen aus Holz bis hin zum ausgeklügelten elektronischen Flipper mit viel Licht und Geräuschen. Was in den USA schon lange zum traditionellen Kneipeninventar gehörte, schaffte es spätestens bis in die 1980er Jahre überall hinein in die Cafés in unseren Breitengraden.

In Amerika tauchten sie schon Ende des 19. Jahrhunderts auf, doch Europa musste bis Mitte der 1940er Jahre warten, also bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs. In den 1950er Jahren boomte die Szene durch den Aufschwung auch bei uns in Belgien und in fast allen Kneipen hielten sie Einzug, bis sie nach den 80ern so langsam durch modernere Kneipenspiele verdrängt wurden. Allerdings hielten viele Flipper durch und die moderneren elektronischen Kästen sind mitunter heute noch zu finden.

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BOUMEDIENE BELBACHIR

Kneipenkultur

Nach Ansicht von Davy Jacobs, dem Direktor des „Jenevermuseums“ in Hasselt, waren und sind Flipperkästen ebenso ein soziales Bindemittel, wie ein Schnäpschen: „Das ist ebenfalls ein Stück flämische Cafékultur. Dazu gehört auch der Genever.“ Flipperkästen und Genever waren lange wichtige Standbeine für das soziale Leben in den klassischen Kneipen. Was in Deutschland z.B. die „Eckkneipe“ ist, wird in Flandern „bruine kroeg“ („braune Kneipe“) genannt. Ob diese Bezeichnung auf die hölzerne Inneneinrichtung zurückzuführen ist oder auf völlig verrauchte Wände und Decken, ist eine Frage, die jeder für sich selbst beantworten muss…

Spannend ist, dass sich Besucher, wenn sie sich denn mit ihrer eigenen Corona-Blase anmelden, in dieser Ausstellung „Pinball-Wettbewerbe“ austragen können. Sie können dazu donnerstags für 75 Minuten den entsprechenden Ausstellungsraum des „Jenevermuseums“ mieten. „Man kann hier auf nicht weniger als 10 Flippern spielen“, so Direktor Jacobs.

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BOUMEDIENE BELBACHIR

Holländischer Sammler

Zusammengestellt hat diese Ausstellung Gerard van Sanden, der Gründer des „Dutch Pinballmuseum“ in Rotterdam, der einige ikonische Flipperkästen aus seiner eigenen Sammlung zur Verfügung gestellt hat. Er und der niederländische Flippermeister von 2012, Jasper van Eeden, bieten sogar Workshops im Rahmen von „Pinball Mania“ an.

Einige frühe Exemplare sind z.B. „Alice in Wonderland“ aus dem Jahr 1948 oder der „Snooks“ von 1951. Hier sind noch tolle Holz- und Farbarbeiten zu erkennen, die beweisen, dass in der Herstellung damals nicht selten Handarbeit vorkam. Eines der zentralen Ausstellungsstücke ist mit Sicherheit der „Wizard!“ aus dem Jahr 1969. Er soll die Basis für das legendäre Album „Tommy“ der britischen Rockband The Who sein und für den gleichnamigen Film von 1975, in dem kein Geringerer als Elton John berühmte den „Pinball Wizard“ spielt… Das jüngste Exemplar in dieser Ausstellung ist der Flipper „The Pirates of the Caribbean“ bei dem man mit gezieltem Spiel ein Piratenschiff versenken kann.

Info: „Pinball Mania“, noch bis zum 9. Januar 2022 im Jenevermuseum, Witte Nonnenstraat 19, 3500 Hasselt. www.jenevermuseum.be.

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Andreas Kockartz

Das "Jenevermuseum"

Das Hasselter „Jenevermuseum“ bietet einen spannenden Rahmen für diese Flipper-Ausstellung. Um die verschiedenen Räume zu erreichen, wo die Flipper stehen, muss man durch dieses Museum gehen und es lohnt sich absolut, hier genauer hinzusehen. Es beginnt mit dem Kassenraum, der sich im früheren Ochsenstall befindet. Wivina De Bus, die Leiterin der Kommunikations- und Marketingabteilung des Museums, erinnert in diesem Zusammenhang daran, dass die Schnaps-bzw. Genever-Brennerei sehr oft eine Kreislaufwirtschaft war, bei der z.B. das Vieh die Reste aus der Brennerei als Futter bekam.

Weiter geht es durch die eigentliche Brennerei, in der noch heute mit historischen Anlagen Genever und andere alkoholische Getränke gebrannt werden. Heute wird zwar einiges hier mit Strom betrieben, doch in einer Ecke steht eine alte 24 PS-starke Dampfmaschine (von der flämischen Maschinenbaufirma Van Coppenolle gebaut), die noch heute die Mühle und das Mahlwerk antreibt.

In den weiteren Räumen wird die Geschichte der Genever-Brennerei in Belgien erzählt - schließlich handelt es sich hier um das „Nationale Jenevermuseum“. Mit vielen historischen Ausstellungsstücken und Dokumenten und über Bildschirmen, die interaktiv bedient werden können, wird einiges spielerisch und originell erklärt und alle Texte sind auch in Deutsch verfasst, was in belgischen Museen keine Selbstverständlichkeit ist. Die eingespielten Filmchen sind zudem in Deutsch untertitelt. Zum Abschluss lädt ein Schankraum zum Verkosten ein. Hier sind auch Genever und einige Liköre zu finden, die im eigenen Haus hergestellt werden. Das „Jenevermuseum“ hat nämlich einen eigenen Schnapsbrenner… Übrigens, das Motto des Hauses lautet: „Machen Sie sich schlau bei einem Gläschen!“ 

Die Genever-Brennereianlage
Andreas Kockartz
Historische Geneverflaschen
Andreas Kockartz
Allerlei typische Kneipen-Accessoires
Andreas Kockartz

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