Polizei und Stadt verteidigen umstrittene Titelfeier Club Brügge. Pflegedachverband enttäuscht

Es gibt wieder viel Kritik an der Meisterfeier von Club Brügge am gestrigen Sonntagabend: wie schon am Donnerstag versammelten sich zu viele Menschen, oft ohne Mundschutz und ohne Sicherheitsabstand. Sowohl die Polizei als auch der Bürgermeister sind bemerkenswert nachsichtig gegenüber den Fußballfans. "Wir wollten es nicht mit Gewalt beenden", so Polizeichef Dirk Van Nuffel. "Die Fans müssen die Möglichkeit haben, zu jubeln und zu feiern."

Der Bürgermeister und der Polizeipräsident von Brügge zeigen Verständnis für die ausgelassene Feier der Fans des neuen belgischen Meisters in der vergangenen Nacht. Die Fans von Club Brügge hatten die Erlaubnis, sich zu versammeln, aber sie hielten sich nicht an die Vereinbarungen. Im Gegenteil: Sie sangen und tanzten ausgelassen, ohne Abstand zu halten, und nur wenige trugen eine Maske.

"Man kann das Tragen eines Mundschutzes nicht mit einem Wasserwerfer oder einem Schlagstocks durchsetzen", sagte Polizeipräsident Van Nuffel VRT-Radio 1. "Das ist der Grund, warum wir nicht offensiv eingegriffen haben. Sie waren ein ganzes Corona-Jahr lang extrem diszipliniert, und so habe ich ein gewisses Verständnis für das Geschehen am Donnerstag und sicherlich auch für das was gestern passiert ist."

"Fußball liegt uns in den Genen", so der Polizeichef weiter. "Eine Meisterfeier gehört da einfach dazu.  Ich hätte es natürlich auch gerne anders gesehen, aber man kann die Begeisterung der Fans nicht bremsen und wir wollten die Feier nicht mit Gewalt beenden", sagte er.

Allerdings scheint er die möglichen Folgen der gestrigen eklatanten Verstöße gegen die Corona-Maßnahmen herunterzuspielen. "Wenn es einige Leute gibt, die sich nach der letzten Nacht mit Corona infiziert haben, werden sie zwei Wochen außer Gefecht gesetzt sein und sie werden dann Zeit haben, darüber nachzudenken, ob sie bei dieser Feier klug waren."

"Aber wie hätten die Leute reagiert, wenn wir offensiv eingegriffen hätten? Wenn wir den Platz sofort geräumt hätten?" Laut Van Nuffel war die Vereinbarung, keine Gewalt anzuwenden, aber die Polizei griff falls nötig auch ein. "Es gab 22 Verhaftungen und 30 Strafzettel wegen Feuerwerkskörpern."

Bürgermeister: "Ich unterstütze die Vorgehensweise der Polizei voll und ganz".

Bürgermeister Dirk De fauw (CD&V, flämische Christdemokraten) verteidigt das Nichteingreifen der  Polizei ebenfalls. Die Strategie, alles rund um das Jan-Breydel-Stadion zu konzentrieren, ist seiner Meinung nach aufgegangen. "Alle sind dort geblieben", erzählt er VRT NWS. "Es wurde auch keine grundlose Gewalt angewendet. Wir mussten keinen Wasserwerfer, kein Tränengas und dergleichen einsetzen. Das wäre nicht verhältnismäßig zu den Verstößen gewesen."

"Ich unterstütze die Art und Weise, wie die Polizei mit der Situation umgegangen ist, voll und ganz", fügte der Bürgermeister hinzu. "Ich denke, dass man als Polizei den Schaden deutlich begrenzen kann, indem man bestimmte Dinge zulässt."

Auch er betont, dass die Polizei wo notwendig, eingegriffen habe, etwa um beim Zünden von Feuerwerkskörpern. Auch wurden Feuerwerkskörper und Spirituosen beschlagnahmt.

"Im Vergleich zum Donnerstag hat sich der Club Brügge mehr an die Absprachen gehalten", findet der Bürgermeister. "Es gab keinen direkten Kontakt zwischen den Fans und den Spielern. Auch auf meinen Wunsch hin, trugen die Spieler auf der Bühne einen Mundschutz als Statement. Manche besser als andere."

Krankenhausdachverband kritisch: "Ich habe das Gefühl, dass wir in 2 Welten leben, der der Pflege und der des Fußballs"

Krankenhausdachverband Zorgnet-Icuro ist besorgt nach den Bildern der gestrigen Meisterfeier von Club Brügge. "Es entstehen allmählich zwei Welten: eine des Gesundheitswesens und eine des Fußballs", sagte Margot Cloet von Zorgnet-Icuro gegenüber VRT NWS. Auch die Der Virologe Steven Van Gucht nennt den Vorfall "eine gute Warnung für die Europameisterschaft".

Margot Cloet versteht, dass die Menschen ein Ventil brauchen, hat aber das Gefühl, dass wir in zwei Welten leben: der der Pflege und der des Fußballs. "Es gibt immer noch eine Menge Menschen, die wegen Covid um ihr Leben kämpfen", betont sie.

Die Zahl der Menschen auf der Intensivstation ist rückläufig. "Es ist ein gutes Zeichen, dass die Zahlen rückläufig sind. Große Gruppen von Menschen sind bereits geimpft worden, aber es gibt immer noch große Gruppen, die noch nicht geimpft sind. Ich hoffe, dass die gestrigen Meisterfeierlichkeiten keinen Einfluss auf die Anzahl der Infektionen haben werden."

Cloet versteht nicht, warum nicht schon vorher bessere Vorkehrungen getroffen wurden. Obwohl sie auch versteht, dass die Polizei nicht mit harter Hand vorgegangen ist. "Man sollte das nicht mit Gewalt bekämpfen, aber man sollte es sich vorher genau ansehen. Wenn man sich anschaut, wie reibungslos es auf den Terrassen in der Gastronomie läuft. Dort arbeiten sie mit den Mundschutzmasken und sorgen dafür, dass nur vier Personen am Tisch sitzen. Es gibt wirklich genug Beispiele dafür, wie es gemacht werden kann."

Virologe Van Gucht: "Gute Warnung für EM".

Der Virologe Steven Van Gucht (Foto unten) versteht, dass es schwierig ist, durchzuhalten, ruft aber dennoch zur Vorsicht auf. "Wir haben ein schwieriges Jahr für viele Menschen auf vielen Ebenen hinter uns", sagt er gegenüber VRT NWS. "Wir sehen nun mehr und mehr das Licht am Ende des Tunnels. Es ist jedoch wichtig, uns daran zu erinnern, dass wir noch nicht aus der Gefahrenzone heraus sind."

Van Gucht findet es noch "zu früh" für große Feiern. "Die Zeit des Feierns kommt bald", verspricht er. "Wir befinden uns in einer Übergangsphase. Es müssen immer noch viele Menschen geimpft werden und es ist immer noch eine Menge Virus im Umlauf." Wie Cloet ist er der Meinung, dass solche Dinge im Vorfeld viel genauer geplant werden müssen. "Wenn es erst einmal aus dem Ruder läuft, kann man nicht mehr viel dagegen tun."

Die Meisterfeier von Club Brügge ist für Van Gucht "eine gute Warnung für die bevorstehende Europameisterschaft". "Wenn man das im Vorfeld gut abspricht - auch mit den Teilnehmern, nicht nur mit den Organisatoren - kann man viel erreichen", so der Virologe von Sciensano. "Gute Vereinbarungen machen gute Freunde."

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