PFOS-Umweltskandal: Eine mehrere Jahre alte Umweltverschmutzung sorgt für Wirbel in Flandern

In Zwijndrecht bei Antwerpen sind vor kurzem bei den Bauarbeiten an der sogenannten „Oosterweel“-Verkehrsachse große Mengen an PFOS entdeckt worden. Dieses seit 2009 nur noch eingeschränkt zugelassene Produkt gilt als giftig und krebserregend. Offenbar stammt das in Zwijndrecht entdeckte PFOS aus dem nahegelegenen 3M-Werk (Foto), dass bis 2002 dieses chemische Produkt dort herstellte. 

Entdeckt wurde diese Umweltverschmutzung bei Aushubarbeiten zum Bau eines neuen Schelde-Tunnels im Rahmen des „Oosterweel“-Verkehrsprojektes zur besseren Leitung des Durchgangsverkehrs rund um Antwerpen (Foto unten). Anfang der Woche ergaben spezifische Messungen, dass an einigen Stellen in und um Zwijndrecht PFOS-Werte gemessen wurden, die 26 Mal höher liegen als zugelassen.

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Hier wurden große Mengen an PFOS-verseuchter Erde entdeckt
Nicolas Maeterlinck

In einem Umkreis von 1,5 bis 2 Kilometern rund um die neuralgische Stelle ist inzwischen verboten, Gemüse und Obst aus den Gärten oder Eier von Hühnern aus dem eigenen Garten zu verzehren. Wissenschaftler empfehlen sogar, dass man in einem Umkreis von 15 Kilometern rund um das 3M-Werk von Zwijndrecht keine eigenen Eier mehr zu essen. Die Antwerpener Universität nimmt derzeit Proben aus Wasserbrunnen und von Gemüse, Obst, Eiern und Milch aus der Region.

Inzwischen ist die Beunruhigung in Zwijndrecht und in den nahegelegenen Gemeinde Beveren und Nieuwkerken bei Sint-Niklaas groß. Weitere Messungen werden gefordert und die flämische Abfallgesellschaft OVAM nimmt überall Bodenproben. Vor allem die Landwirtschaft will so schnell wie möglich Informiert werden, was da wirklich los ist und welche Folgen das für die Landwirte in der Umgebung haben kann. 

Auswirkungen auf die flämische Landesregierung

Im Rahmen einer Debatte im flämischen Landesparlament stellte Landesumweltministerin Zuhal Demir (N-VA) fest, dass sie nicht über alle entsprechenden Informationen verfügt, was die Vergangenheit in dieser Frage betrifft. Sie forderte, als Regierungsmitglied, einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss, womit sie Freund und Feind überraschte. Diese Forderung war weder mit ihrer Regierung, noch mit ihrer Partei, den flämischen Nationaldemokraten N-VA, abgesprochen.

Zudem gehört zur aktuellen Mehrheit in Flandern auch die christdemokratische CD&V, die viele Jahre lang die Umweltminister stellte. Hier ist die Verärgerung über Demirs Forderung nach einem Untersuchungsausschuss besonders groß. Einen solchen Ausschuss fordern jetzt auch Oppositionsparteien und auch Bürgerinitiativen und Gemeinden aus fast allen Anrainergemeinden rund um Zwijndrecht und am linken Ufer der Schelde. 

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Umweltverschmutzung bei Bauarbeiten zur "Oosterweel"-Verbindung entdeckt
Nicolas Maeterlinck

Die Sache zieht weite Kreise

Diese PFOS-Umweltverschmutzung zieht inzwischen angesichts ihres Ausmaßes weite Kreise. Die flämische Wirtschaftszeitung De Tijd veröffentlicht in ihrer Samstagsausgabe ein Gespräch mit einem amerikanischen Anwalt, der den US-Chemieriesen 3M dort wegen Umwltvergehen vor Gericht gebracht hat. Dieser geht aus eigener Erfahrung davon aus, dass 3M auch in Zwijndrecht einen langen Atem haben wird und den gesamten Vorgang in die Länge ziehen wird, um aus der Verantwortung herauszukommen… 

Hinzu kommt noch, dass mindestens 20 Unternehmen und Fabriken PFOS-haltige Abwässer in die Schelde leiten. Dort werden aktuell ohnehin schon zu hohe Werte dieses Stoffes gemessen. Umweltschützer plädieren für schärfere Gesundheitsnormen in dieser Hinsicht und für schärfere Kontrollen.

Zu den Unternehmen, die PFOS-haltiges Abwasser in die Schelde abführen, gehören u.a. die im Antwerpener Hafen ansässigen Chemieunternehmen BASF, Bayer und INEOS sowie die petrochemischen Unternehmen  Exxonmobil und Total. Aktuell liegen die in der Schelde gemessenen PFOS-Werte rund 30 Mal höher als erlaubt. 

Was ist PFOS?

Perfluoroctansulfon-Säure (Anion Perfluoroctansulfonat oder kurz PFOS) ist eine chemische Verbindung aus der Gruppe der per- und polyfluorierte Alkylverbindungen (PFAS). PFOS wurde im Handel als Kalium-, Lithium-, Ammonium-, Diethanolammonium- oder Tetraethylammonium-Salz angeboten. Das Produkt wurde hauptsächlich dazu verwendet, um Materialien wie Textilien, Teppiche und Papier fett-, öl- und wasserfest zu imprägnieren (3M „Scotchgard“).

Daneben wurde es bei der Verchromung, für die Imprägnierung von Kochgeräten (z.B. Pfannen), in der Analogfotografie, in älteren Feuerlöschschäumen (AFFF), in Kosmetikprodukten und in Hydraulikflüssigkeiten für die Luft- und Raumfahrt verwendet. 

Das EU-Parlament hat im Oktober 2006 beschlossen, die Verwendung von PFOS auf wenige Einsatzbereiche einzuschränken. Im Stockholmer Übereinkommen wurde 2009 entschieden, PFOS in die Konvention für eingeschränkte Stoffe aufzunehmen. Das größte Problem mit diesem Produkt ist die Tatsache, dass es sich nicht auf natürliche Weise abbaut. Das bedeutet, dass sich mehr und mehr PFOS in der Umwelt und in den Wasserläufen befindet. 

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