Große Studie in Belgien: 2 von 3 Befragten sind Opfer einer Form von sexueller Gewalt geworden

Zwei von drei BelgierInnen zwischen 16 und 69 Jahren sind schon einmal im Leben Opfer von sexuell übergriffigem Verhalten geworden. Das ist das Ergebnis einer groß angelegten Studie, die von den Universitäten Gent und Lüttich in Zusammenarbeit mit dem Nationalen Institut für Kriminalistik und Kriminologie durchgeführt worden ist. Die Opfer sind verschiedenen Alters, Geschlechts, verschiedener Herkunft und sexueller Orientierung. "Auch Menschen über 70 sind häufig noch Opfer und trauen sich nicht, mit jemandem darüber zu sprechen.

Zum ersten Mal wurde eine große repräsentative Studie über sexuelle Gewalt in Belgien durchgeführt. Experten der Universität Gent, der Universität Lüttich und des Nationalen Instituts für Kriminologie und Kriminalistik haben mehr als 5.000 Belgier zu ihren Erfahrungen mit sexuellen Übergriffen und deren Auswirkungen befragt. Die Untersuchung wurde mit Hilfe einer Online-Umfrage und persönlichen Interviews (vor der Corona-Krise) durchgeführt wurden. 

Die Studie "UN-MENAMAIS" (Understanding the Mechanisms, Nature, Magnitude and Impact of Sexual Violence in Belgium) zeigt, dass nicht weniger als 64 Prozent der belgischen Bevölkerung zwischen 16 und 69 Jahren schon einmal sexuelle Gewalt erfahren haben. 

In der Studie umfasst der Begriff der sexuellen Gewalt alle möglichen Formen von unerwünschtem sexuellem Verhalten. Das kann von anzüglichen Kommentaren, dem Zwang, sich zu entkleiden bis zu Berührungen und Vergewaltigungen reichen, erklärt die Forscherin Ines Keygnaert (UGent) (Foto oben). 

Unterscheiden zwischen “hands on” und “hands off”

In der Gruppe der 16- bis 69-Jährigen geben vor allem Frauen (81 Prozent) an, im Laufe ihres Lebens mit sexueller Gewalt konfrontiert worden zu sein. Aber auch fast die Hälfte der männlichen Teilnehmer (48 Prozent) gibt an, schon einmal Opfer gewesen zu sein.   

Die Ergebnisse unterscheiden zwischen "hands-on" und "hands-off", also mit oder ohne Körperkontakt zwischen Täter und Opfer. Ungefähr vier von fünf Frauen (78 Prozent) und zwei von fünf Männern (41 Prozent) berichteten von Übergriffen, bei denen es nicht zu einem körperlichen Kontakt kam. Zwei von fünf Frauen (42 Prozent) und einer von fünf Männern (19 Prozent) sind Opfer von körperlicher sexueller Gewalt geworden. Bei 19 Prozent der Frauen und 5 Prozent der Männer ging es um eine Vergewaltigung. 

“Ältere Menschen sind eine Risikogruppe.”

Auch die über 70-Jährigen werden von sexueller Gewalt nicht verschont. Die Experten sprachen mit 500 älteren Menschen, von denen fast die Hälfte (44 Prozent) in ihrem Leben irgendeine Form von sexueller Gewalt erlebt hat.  

Sie sagen auch an, während der Pflege z.B. an Stellen berührt oder geküsst worden zu sein, ohne dies gewollt zu haben. Jeder zwölfte ältere Mensch (8,4 Prozent) wurde 2019 Opfer sexueller Übergriffe. In 2,5 Prozent der Fälle handelte es sich um sexuelle grenzüberschreitende Handlungen mit Berührung, wie z. B. unerwünschtes Geküsstwerden, und in 0,6 Prozent um (versuchte) Vergewaltigung. Männer und Frauen in dieser Altersgruppe sind gleichermaßen betroffen. 

Marco Okhuizen

Am Internationalen Tag gegen die Misshandlung älterer Menschen möchte die Universitätsforscherin Ines Keygnaert daher betonen, dass ältere Menschen eine Risikogruppe sind. "Wir gehen davon aus, dass ältere Menschen ab einem bestimmten Alter asexuell sind und nicht mehr Opfer von sexueller Gewalt werden können. Unsere Untersuchungen zeigen nur, dass mehr als ein Drittel sexuell aktiv ist und ein weiteres Drittel körperliche Zärtlichkeiten ohne Penetration erlebt. Sie berichten aber auch, dass sie während der Pflege z. B. unsittlich berührt oder geküsst werden, obwohl sie es nicht wollen."

LGBTQIA+-Gemeinschaft eher gefährdet

Menschen, die der LGBTQIA+-Gemeinschaft (lesbisch, schwul, bisexuell, trans, queer, intersexuell, asexuell usw. sind), sind sexueller Gewalt stärker ausgesetzt als andere. 80 Prozent der befragten LGBTQIA+ Personen waren Opfer einer Form von sexueller Gewalt. Zweiundvierzig Prozent der Meldungen betrafen körperliche sexuelle Gewalt, davon 24 Prozent (versuchte) Vergewaltigung. 

Eine weitere Minderheitengruppe, die bei dieser großangelegten Studie befragt wurden, waren Asylbewerber. Von diesen hatten 84 Prozent in ihrem Leben bereits sexuelle Gewalt erfahren. 61 Prozent wurden im Jahr vor der Befragung Opfer. Die meisten von ihnen wohnten zu diesem Zeitpunkt bereits in Belgien. 

Was muss getan werden?

Schon in der Kindheit sollten wir lernen, Grenzen zu setzen und zu akzeptieren, sagen die Forscher. "Wir sehen, dass sexuelle Gewalt über die Generationen hinweg getragen wird, deshalb sollten wir uns auf die Prävention konzentrieren. In der Schule sollten Themen wie sexuelles Einverständnis, Beziehungsaufbau und positive Sexualität einen Platz erhalten. Aber ein solches Training kann auch für Erwachsene und ältere Menschen durchgeführt werden", betont Keygnaert.  

Opfer suchen nur selten Hilfe. "Die meisten trauen sich nicht, mit jemandem darüber zu sprechen", sagt Keygnaert. "Aber 30 bis 40 Prozent der Opfer sagen es einer ihnen nahestehenden Person. Nur 7 Prozent haben sich an einen Arzt gewandt, um professionelle Hilfe zu erhalten."  

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