Die "Oosterweel"-Baustelle, ein umfassendes Verkehrs- und Bauprojekt
Jonas Roosens

PFOS-Verunreinigung: Flanderns Landesregierung und die Stadt Antwerpen waren bereits 2017 unterrichtet

Bereits im September 2017 wurden fast alle Mitglieder der damaligen flämischen Landesregierung, Antwerpens Bürgermeister Bart De Wever (N-VA) und die meisten Stadtratsmitglieder über die Verunreinigung mit dem chemischen Produkt PFOS rund um das 3M-Werk in Zwijndrecht informiert. Dies ist aus einer Email ersichtlich, in die VRT NWS Einblick hatte. Diese Email stammt von Lantis, dem Bauherren der „Oosterweel“-Verkehrsverbindung, bei deren Bauarbeiten diese PFOS-Verunreinigung ans Tageslicht gekommen war. Nur, mit dieser Information passierte damals nichts. 

Das Unternehmen Lantis, dass die Bauarbeiten zur „Oosterweel“-Verkehrsverbindung koordiniert und leitet, hatte vor dem ersten Spatenstich 2017 hunderte Bodenproben anfertigen lassen, wobei das Problem in seinem ganzen Umfang bei Zwijndrecht vor allem an der östlichen Seite des dortigen Werks des US-Chemiekonzerns 3M festgestellt wurde - genau da, wo jetzt ein neuer Schelde-Tunnel gebaut wird. Daraufhin hatte Lantis Stadt und Land informiert und auch die flämische Landesabfallentsorgungsgesellschaft OVAM.

Die entsprechende Email, die VRT NWS konsultieren konnte (Lantis-CEO Luc Hellemans war am vergangenen Dienstag zu Gast in der VRT-Sendung „Terzake“ („Zur Sache“)) stammt vom 29. September 2017. Sie ging an fast alle zuständigen Minister der Landesregierung und an die meisten zuständigen Schöffen im Antwerpener Stadtrat bis hin zu den Verantwortlichen im Hafen.

Kein Risiko?

Damit war quasi die gesamte politische Lenkungsgruppe des Masterplans 2020 für die Antwerpener Mobilität unterrichtet und danach gab es am 21. September 2017 sogar eine Versammlung mit Vertretern von Lantis, der Abfallgesellschaft OVAM und der flämischen Umweltbehörde VMM. Doch es geschah nichts… Wieso nicht? Weil OVAM der Ansicht ist, dass das dort gefundene PFOS kein Risiko für die Gesundheit der Anwohner darstellt, auch wenn die Messungen von einigen der über 600 Bodenproben sehr problematische Werte ergeben haben. Die Antwort am 27. September 2017 von OVAM an Lantis liest sich wie folgt: „Basierend auf den Angaben, die heute vorhanden sind, liegen keine Hinweise vor, dass ein direktes humanes Risiko von den vorgefundenen Stoffen hervorgeht. Genauer die angetroffenen Konzentrationen im Grundwasser fallen weit unter die heutigen zugelassenen Überprüfungswerte.“

Was sagt der Toxikologe?

Der Toxikologe Jan Tytgat, den Lantis zur Rate zieht, um die realen Auswirkungen der PFOS-Umweltverschmutzung einzuschätzen, kam damals zu ähnlichen Resultaten und schätzte das Risiko ebenfalls eher als gering ein. Er erwähnte nur, dass an einigen Stellen mehr als 100 Mikrogramm PFOS pro Kilo Abraum festgestellt wurden. Aber, Tytgat empfahl schon damals in einem seiner zwei Berichte, dass man dort keine Eier von Hühnern aus dem eigenen Garten essen soll und das Kinder dort, wo schwerere Verunreinigungen konstatiert wurden, nicht draußen spielen sollten.

Auch mit diesen Informationen wurde nichts unternommen und auch die Bevölkerung und der Gemeinderat von Zwijndrecht wurden nicht informiert. Eine für den 17. Oktober 2017 geplante Infosession wurde von OVAM abgesagt: „Nicht nötig.“ Warum wurde von politischer Seite nichts unternommen? Sollte das Prestigeprojekt „Oosterweel“ nicht gefährdet werden? Spielten die anstehenden Kommunalwahlen in Flandern eine Rolle? Oder befürchtete man die wohl hohen Kosten für eine umfangreiche Bodensanierung und die dadurch entstehende Verspätung und Verteuerung von „Oosterweel“? 

Untersuchungsausschuss

Am Mittwochabend hat das flämische Landesparlament die Einsetzung eines Untersuchungsausschusses beschlossen, der herausfinden soll, wie es damals zu dieser Umweltverschmutzung kommen konnte und warum die damals bekannten Fakten keine Reaktion auslösten.

Inzwischen befasst sich auch das belgische Bundesamt für Lebensmittelsicherheit FAVV mit dem Dossier, denn schließlich sind zahlreiche landwirtschaftliche Betriebe vermutlich betroffen und viele Einwohner von Zwijndrecht züchten in ihren Gärten eigenes Obst und Gemüse oder halten eigene Hühner. 

Der "Oosterweel"-Bauplan. Der PFOS-verseuchte Bereich befindet sich in der Nähe von Punkt 1 unweit des Scheldeufers

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