Statistiker Molenberghs zu steigenden Corona-Zahlen: schnell  reagieren, um Blatt wenden zu können

Die Corona-Zahlen in Belgien entwickeln sich in die falsche Richtung. Nach dem die Infektionszahlen wieder steigen, nimmt auch die durchschnittliche Anzahl der Krankenhauseinweisungen auf wöchentlicher Basis wieder zu. "Wir müssen die Entwicklung genau im Auge behalten, denn die Zahlen werden in ein paar Wochen nicht spontan sinken", sagt Statistiker Geert Molenberghs. Auch die Infektionsfachärztin Dr. Erika Vlieghe warnt, dass viele Menschen noch nicht vollständig geimpft sind.  

Die Zahl der Corona-Virusinfektionen steigt europaweit. In Belgien ist sie auf Wochenbasis um 78 Prozent gestiegen. Zum ersten Mal seit mehreren Wochen steigt auch die Zahl der Krankenhauseinweisungen wieder: +19 Prozent.  

"Einerseits haben wir es mit der hochansteckenden Delta-Variante zu tun, die derzeit zwei Drittel der Infektionen in unserem Land ausmacht", sagt Geert Molenberghs (UHasselt und KU Leuven). "Gerade wenn die Maskenpflicht oder Abstandsregel weniger gelten, kann sich das Virus sehr schnell ausbreiten.”  

"Andererseits befinden sich viele Leute auf Reisen. Bei den zurückkehrenden Reisenden sehen wir eine höhere Positivquote von 2,5 Prozent, bei Rückkehrern aus Spanien sind es sogar 4 Prozent. Die Positivitätsrate für Menschen, die hier getestet werden, liegt bei 1 Prozent.”  

Die steigenden Infektionen lassen sich nur zum Teil durch Reisende erklären. "Es gibt auch viele Menschen, die sich testen lassen, weil sie Symptome haben. Das heißt, es gibt einen echten Anstieg", erklärte Molenberghs im öffentlich-rechtlichen Radio am Freitagmorgen.  

Wieder neue Maßnahmen gegen Corona?

Können wir die Entwicklung umkehren? "Alles hängt von unserer Reaktion ab. (…) Je früher wir uns anpassen, desto leichter ist es, das Blatt zu wenden. Wenn der Zug mit dem Virus immer schneller fährt, wird es immer schwieriger, ihn zum Anhalten zu bringen und zu wenden."   

Wir haben kaum eine andere Wahl, so Molenberghs: "Es gibt wenig Grund zur Annahme, dass die Zahlen nach ein paar Wochen spontan zurückgehen." Die steigenden Zahlen sollten eine Art Weckruf für die Leute sein, ihr Verhalten anzupassen, erklärt der Statistiker, der an die Entwicklungen in den vergangenen Monaten erinnert. 

Ob zusätzliche Maßnahmen erforderlich sind, müssen die Politiker entscheiden: “Man kann darüber nachdenken, bestimmte Dinge einzuschränken oder zumindest nicht mehr zuzulassen”, erwägt Molenberghs.  

Infektionsfachärztin Dr. Erika Vlieghe: "Anstieg geht schneller als erwartet"

Die Zunahme der Corona-Infektionen in Europa verläuft schneller als erwartet, sagt Dr. Erika Vlieghe. Sie führt den Anstieg auf die hochansteckende Delta-Variante und auf die Fußball-Europameisterschaft zurück, die viele Reisen durch Europa mit sich brachte. 

"Das Problem ist, dass die Gruppe der Menschen, die noch nicht vollständig geimpft sind, noch zu groß ist", sagte Vlieghe gestern im TV-Magazin "Terzake": 

“Solange die Impfkampagne nicht abgeschlossen ist, müssen wir vorsichtig bleiben. Die Lockerungen gehen sehr schnell und erwecken den Eindruck, dass wir unverwundbar sind, aber das Virus ist immer noch da und ist durch diese neue Variante sogar noch stärker geworden." 

Auch Geert Molenberghs warnt in diesem Sinne: "Die Impfrate in Flandern ist sehr hoch, aber wir sollten nicht vergessen, dass nur gut ein Drittel der Menschen vollständig geimpft ist. Zwei Drittel sind noch nicht vollständig geimpft, auch bei den älteren Generationen. Bei sehr hohem Virendruck können sogar geimpfte Menschen krank werden und im Krankenhaus landen." 

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