ROBIN UTRECHT

Corona: Reaktionen auf steigende Ansteckungszahlen - Schwieriges Kontakt-Verfolgen durch Reisen

Eigentlich funktioniert die Kontakt-Verfolgung nach Ansteckungen mit dem Coronavirus Covid-19 in Belgien recht gut, doch jetzt, wo der Urlaub und das Reisen wieder begonnen haben, zeigen sich Schwächen im System. Inzwischen steigen auch die Ansteckungszahlen in Belgien wieder, doch das macht den Experten (noch) keine großen Sorgen. Aber, jeder ist gewarnt. An einem Tag in der vergangenen Woche wurden rund 1.000 neue Infizierungen mit Covid-19 gemeldet. 

Jan De Maeseneer, emeritierter Professor für Allgemeinmedizin, ist aktuell in der Kontakt-Verfolgung nach Corona-Ansteckungen in Gent engagiert. Er sieht in diesem Bereich gerade jetzt, wo die Urlaubs- und Reisesaison auch in Belgien wieder angerollt ist, einen Fehler im System: „Die Leute sollten getestet werden, bevor sie nach Belgien zurückkommen oder hier einreisen.“

De Maeseneer stellt gegenüber VRT NWS fest, dass aktuell das Reisen den Hauptteil der neuen Corona-Ansteckungen darstellt: „Man legt gerade den Fokus auf die Jugendlichen, die in Spanien Partyurlaub machen, doch das Problem seigt sich schon länger. Letzte Woche sind hier 8 Personen nach ihrer Rückkehr aus Spanien  positiv getestet worden. Sie sind also infiziert ins Flugzeugt nach Hause gestiegen und erst hier getestet worden.“

Der Medizinprofessor in Ruhestand ist davon überzeugt, dass die Leute in ihrem Urlaubsland und vor ihrem Flug zurück in die Heimat getestet werden sollen: „Sonst kann sich die Ansteckung im Flugzeug sehr schnell verbreiten.“ De Maeseneer ist der Ansicht, dass das Contacttracing und die Testsysteme in Belgien aktuell sehr gut funktionieren, doch: „Das System ist nur so stark, wie seine schwächste Stelle und diese schwachen Stellen sind die individuellen Entscheidungen der Menschen.“

Deshalb warnt er auch vor den möglichen Folgen: „Wir glauben, dass wir stärker sind, doch das ist nicht so. Das Virus gewinnt immer dann, wenn wir uns unverantwortlich verhalten. Wir müssen jeder für sich abwägen und die richtigen Entscheidungen treffen, wenn es um Abstandhalten, Ventilieren oder um das Einschränken von Kontakten geht. Und gerade das ist angesichts der steigenden Zahlen wichtig.“ 

6. Juli: Über 1.000 neue Ansteckungen an einem Tag

Am 6. Juli, also am Dienstag in der vergangenen Woche, wurden dem staatlichen wissenschaftlichen Gesundheitsamt in Belgien genau 1.035 neue Infizierungen mit dem Coronavirus Covid-19 gemeldet.  

Flandern will einen Impfgrad von 90 % erreichen

Das belgische Bundesland Flandern strebt jetzt einen Impfgrad von 90 % der Bevölkerung an. Ursprünglich hatte das Land auf 70 % gesetzt, doch angesichts steigender Ansteckungszahlen und der raschen Verbreitung der ansteckenderen Delta-Variante sollen zum Schutz aller mehr Menschen gegen Corona geimpft werden.

Landesgesundheitsminister Wouter Beke (CD&V) ruft alle Flamen, die noch nicht geimpft sind, dazu auf, diesen Schritt doch bitte zu gehen: „Lassen sie alle Zweifel hinter sich und gehen sie zur Impfung. Wer seinen Impftermin nicht eingehalten hat, der kann sich wieder über QVAX einschreiben.“ Rund 90.000 Flamen sind auf ihre Einladung, sich impfen zu lassen, nicht eingegangen, doch nach einem früheren Aufruf Bekes folgten schon Reaktionen: „Die ersten tausenden Menschen haben sich nach meinem ersten Aufruf schon eingetragen. Ich kann meinen Aufruf also nur wiederholen.“

Viele Impfungen, wenig Auswirkungen auf die Krankenhausauslastung?

Der Virologe Steven Van Gucht geht davon aus, dass sich die Zahl der neuen Corona-Patienten in den Krankenhäusern angesichts hier ebenfalls leicht steigender Zahlen, in Grenzen halten werde, denn der älteste Teil der Bevölkerung in Belgien sei geschützt und durchgeimpft. Doch er und seine Kollegen rufen weiter zur Vorsicht auf, denn der Rest der Bevölkerung ist noch länger nicht vollständig geimpft. Van Gucht sagte am Freitag in den VRT-Fernsehnachrichten: „1 bis 2 % der Ansteckungen führen auch zu einer Aufnahme im Krankenhaus. Das ist viel weniger als wir im Winter erlebt haben.“ Aktuell, so der Virologe weiter, stecken sich aber viele junge und sehr junge Menschen an.

Ganz so entspannt ist der Antwerpener Biostatistiker Geert Molenberghs aber nicht und auch er appelliert an die Bevölkerung, wieder vorsichtiger zu werden: „Die Gesetze des Virus stoppen nicht: Je früher wir uns anpassen, je schneller können wir die Sache noch umbiegen. Wenn der Zug schneller und schneller fährt, wird es immer schwieriger, diesen anzuhalten und in eine andere Richtung zu bringen.“ Molenberghs glaubt nicht daran, dass die Zahlen in einigen Wochen wieder von selbst heruntergehen, doch „Möglicherweise sind die steigenden Zahlen eine Art wake-up-call, durch den sich sie Leute wieder anpassen.“ 

Auch die Infektiologin Erika Vlieghe warnt vor einer weiteren Ausbreitung des Coronavirus. Gegenüber VRT NWS rief sie die Gesellschaft zur Vorsicht auf. Vlieghe verweist bei ihrer Warnung auf das Infektionsgeschehen in Portugal und in Spanien, Länder, die auf der aktuellen ECDC-Corona-Karte bekanntlich wieder rote Zonen sind. Vlieghe sagte aber auch, dass sich Corona in Europa rascher wieder ausbreitet, als man bisher erwartet habe. Sie sieht einen Grund bei der Fußball-Europameisterschaft, die mit vielen Reisen und ungezügeltem Jubel verbunden ist und nicht zuletzt auch an der ansteckenderen Delta-Variante, die in vielen Ländern die Überhand bekommen habe. Ein weiteres Problem ist in ihren Augen auch die Tatsache, dass noch zu viele Landsleute nicht vollständig geimpft sind.

Keine Probleme bei Einreisen in Belgien

Personen, die aus Deutschland in Belgien einreisen, unterliegen derzeit keinen Test- oder Quarantänepflichten - auch nicht Personen, die auf dem Landweg durch Deutschland in Belgien einreisen. Wer allerdings länger als 48 Stunden in Belgien bleiben möchte, der soll sich bei den Behörden melden (über das sogenannte „Passenger Location Form“).

Personen, die aus einer EU-Region mit hohem Infektionsgeschehen, z.B. aus einer als „rot“ markierten Hochrisikozone kommend, in Belgien einreisen, müssen sich, wenn sie nicht genesen, geimpft oder getestet sind, in Quarantäne begeben (das gilt theoretisch auch für Personen mit belgischer Staatsangehörigkeit).

Belgien bleibt auf der ECDC-Karte fast ganz eine grüne Zone: Flandern und die Wallonie sind hier grün eingezeichnet. Nur die Region Brüssel-Hauptstadt bleibt aufgrund höherer Inzidenzen orange. 

Krankenhaus in Limburg bereitet sich auf eine 4. Welle vor

Angesichts von steigenden Ansteckungszahlen will sich das Krankenhaus Ost-Limburg (ZOL) in der früheren flämisch-limburgischen Bergbaustadt Genk vorsorglich auf eine mögliche 4. Corona-Welle vorbereiten. Dazu plant die Einrichtung die Zusammenstellung von 2 Notmannschaften, um den Krankenhausbetrieb aufrecht erhalten zu können.

Das ZOL bittet Interessenten aus dem Pflegebereich, sich eventuell für ein solches Vorhaben zu melden. Ziel ist, alle möglichen Krankenhausbereiche aufrecht zu erhalten: Intensivstationen, Kardiologie, Anästhesie… Personen, die für bestimmte dieser Bereiche nicht ausgebildet sind, erhalten entsprechende Weiterbildungen. 

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