Eupen

Nach dem Hochwasser: Bürger und Betriebe aus Chaudfontaine wollen Behörden verklagen

Bürger und Betriebe aus Chaudfontaine wollen die wallonische Regionalregierung nach dem Hochwasser in der vergangenen Woche wegen fahrlässiger Tötung und Versäumnis verklagen. Nach ihrer Meinung hat die Regierung zu spät eingegriffen, um die Überschwemmung zu verhindern. 

Die Überschwemmungen in der Wallonie hätten weniger schwere Folgen gehabt, wenn die Behörden früher Wasser aus dem Stausee in Eupen abgelassen hätten. Wäre in den Tagen zuvor bereits rechtzeitig Wasser aus dem See geflossen, hätte der Stausee viel mehr Regenwasser aufnehmen können, sagen Experten. Anwohner und Unternehmen wollen eine unabhängige Untersuchung über mögliche Fehler. 

Die Zahl der Todesopfer der Flutkatastrophe liegt derzeit bei 37. In den Gemeinden entlang der Weser (Verviers, Pepinster, Chaudfontaine und Lüttich) sind die meisten Toten gefallen. Dass es so viele Tote in diesem Gebiet gab, kann mit der Öffnung des Stausees mitten im Dauerregen und bei Hochwasser zu tun haben.  

Einige Experten, wie der Lütticher Energieprofessor Damien Ernst, argumentieren, dass die wallonische Regierung einen Fehler gemacht hat. Wäre der Stausee ein paar Tage früher geöffnet worden, hätte es einen größeren Puffer gegeben.  

Der wallonische Minister für Klima und Infrastruktur, Philippe Henry (Ecolo), wehrt sich gegen diese Kritik: "Die Berechnung wurde nach dem Worst-Case-Szenario durchgeführt. Das waren 60 bis 150 Millimeter Wasser und der Damm konnte diese Menge halten. Leider sind in 24 Stunden mehr als 200 Millimeter gefallen, so dass der Stausee an einer Stelle voll war."  

Die wallonische Regierung hat eine interne Untersuchung des Ablaufs der Ereignisse angeordnet. 

Nicht für den Hochwasserschutz vorgesehen

Patrick Willems, Professor für Hydrologie an der KU Leuven, bestätigt, dass die Katastrophe weniger schlimm hätte ausfallen können: "Vor allem auf der Strecke von Eupen nach Verviers hätten lokale Überschwemmungen vermieden werden können." 

Allerdings betont er auch einige wichtige Vorbehalte: "Stauseen dienen eigentlich dazu, Wasser zu sammeln. Der Eupener Stausee (25 Millionen Kubikmeter) ist der größte Wasserspeicher des Landes und wird hauptsächlich zur Trinkwassergewinnung genutzt. Er wurde nicht als Hochwasserschutz gebaut. Wenn viel Regen vorhergesagt ist, könnte man den See im Vorfeld einplanen und beispielsweise den Wasserstand absenken und zusätzliche Pufferkapazität schaffen, so dass die Auswirkungen flussabwärts begrenzt bleiben." 

Professor Patrick Willems von der KU Leuven

"Die Niederschlagsprognosen waren sehr unsicher."

Die Lage vorige Woche sei aber auch unvorhersehbar gewesen, sagte Willems. "Wenn Sie das Reservoir entleeren müssen, dauert das mehrere Tage. Man muss also früh genug im Voraus entscheiden und handeln. Einige Tage vor dem Hochwasser waren die Niederschlagsprognosen sehr unsicher. Ich habe es mir selbst angeschaut. In der Tat wurden keine 200 Millimeter in 24 Stunden vorhergesagt. Es waren eher 50 bis 100 Millimeter." 

Auch das vorzeitige Ablassen eines Reservoirs kann Folgen haben. "Nehmen wir an, dass ein Teil des Stausees abgelassen wurde und die Regenfälle seien weniger heftig gewesen. Wenn darauf eine sehr trockene Periode folgte, wäre es das Trinkwasser knapp geworden. Auch deswegen hätte es Kritik gehagelt.  

Auch das EFAS (European Flood Awareness System), das grobe Vorhersagen über große europäische Wasserläufe macht, lag am vergangenen Mittwoch falsch, weiß Professor Willems. "Die Maas bei Lüttich transportierte in den Spitzenzeiten 3.000 bis 3.500 Kubikmeter pro Sekunde", so Patrick Willems. "Die EFAS-Prognosen sprachen von einer 50-prozentigen Chance auf einen Durchfluss zwischen 1.000 und 2.000 Kubikmetern pro Sekunde. “ 

Copyright Bernard Gillet

Bedarf an Koordination

Wasserexperte Willems erwähnte auch, den Mangel an Koordination, wenn es um Entscheidungen über Hochwasserrisiken geht. Stauseen werden von anderen Behörden gemanagt als Hochwasserrisiken. Es besteht ein Bedarf an viel mehr Koordination zwischen den verschiedenen Parteien. Aber er wies auch noch einmal darauf hin, dass die Lage um den 14. Juli eine nie dagewesene gewesen sei: “Natürlich hätten die Menschen anders gehandelt, wenn sie genau gewusst hätten, wie viel Regen fallen wird." 

Während der Eupener Stausee erst sehr spät geöffnet wurde, waren die beiden Stauseen von Robertville und Bütgenbach vorsorglich und schrittweise entleert worden. Diese Seen werden als Wasserkraftwerke von der Firma Engie Electrabel verwaltet. 

See von Bütgenbach
Belga

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