Boudewijn Catry

Mehr Corona-Patienten in den Krankenhäusern als im August 2020 - Wie kommt es dazu?

Aktuell werden in den belgischen Krankenhäusern fast 500 mit dem Coronavirus Covid-19 infizierte Patienten behandelt. Innerhalb von nur einer Woche stieg diese Zahl um knapp ein Drittel. Welche Ursache hat diese Entwicklung, wenn doch in unserem Land schon so viele Menschen vollständig geimpft sind? Boudewijn Catry (Foto), Epidemiologe beim staatlichen wissenschaftlichen Gesundheitsamt Sciensano, sieht verschiedene Ursachen.

August 2020. Die erste Corona-Welle liegt hinter Belgien. In den Krankenhäusern werden rund 300 Covid-19-Patienten behandelt. Heute, im August 2021 und einige Wellen später, liegen 454 Corona-Patienten im Krankenhaus, von denen 124 intensiv behandelt werden müssen. Sciensano-Epidemiologe Boudewijn Catry ist der Ansicht, dass die Lage weit davon entfernt ist, problematisch zu sein. Fast 80 % aller erwachsenen Belgier sind geimpft: „Vor allem herrscht im Vergleich zum vergangenen Jahr viel weniger eine ‚saycation‘-Mentalität.“

Durch die Tatsache, dass die Menschen in diesen Ferienzeiten viel weniger zu Hause bleiben und dass viele Landsleute in den Urlaub gefahren sind, auch ins Ausland, kommt es zu deutlich mehr Kontakten und also auch zu einem erhöhten Ansteckungsrisiko. 

Auch wenn inzwischen viele Landsleute vollständig geimpft sind, haben sich nicht wenige Zeitgenossen noch nicht zu einer Impfung gegen Corona entschlossen, „besonders in den Städten, wie in Brüssel.“

Man ist erst 14 Tage nach der zweiten Impfung geschützt

Personen, die noch nicht vollständig geimpft sind - sprich 2 Impfungen (außer mit Johnson & Johnson, wo eine Impfung reicht), die mindestens 14 Tage her sein müssen - laufen noch immer das Risiko, so Catry, sich zu infizieren und auch schwerer zu erkranken: „Nur 3 % der hospitalisierten Corona-Patienten sind vollständig geimpft“, so der Epidemiologe, der vor allem Jugendliche daran erinnern möchte, sich bis zu zwei Wochen nach ihrer zweiten Impfung noch zurückzuhalten.

Ein weiterer Faktor für die doch hohe Zahl von Corona-Patienten im Krankenhaus ist die ansteckendere Delta-Variante, die in den vergangenen Wochen in Belgien die dominante Form des Coronavirus Covid-19 geworden ist. Diese Variante ist wesentlich ansteckender als die vorherigen Varianten, so Catry. 

Nur selten schwere Erkrankungen

Positiv ist, so der Epidemiologe, dass Personen, die sich mit der Delta-Variante anstecken, nur selten schwer erkranken und nur in ganz seltenen Fällen an dem Virus sterben: „Wir beobachten, dass die Menschen, die derzeit in ein Krankenhaus eingeliefert werden, nicht schnell auf eine Intensivstation verlegt werden müssen.“

Derzeit werden vor allem ungeimpfte 20- bis 40-Jährige hospitalisiert. Tatsache ist aber auch, dass hochbetagte Senioren, die bereits seit längerem geimpft sind, sich wieder infizieren können, weil sie kaum wirkliche Antikörper entwickeln oder entwickelt haben. Boudewijn Catry warnt denn auch davor, dass es in Senioren- und Pflegeheimen durchaus noch zu schweren Corona-Ausbrüchen kommen könne, wie zuletzt in einer solchen Einrichtung in Zavemten, wo sich über 20 Personen mit der Delta-Variante angesteckt hatten. Innerhalb von 2 Wochen verstarben dort 7 Senioren. 

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