"Ich höre jeden Tag Horrorgeschichten von meiner Familie": Afghanische Belgier sehr besorgt

Die VRT-Nachrichtenredaktion sprach mit jungen Afghanen, die jetzt in Belgien leben: wie sehen sie die Entwicklungen in ihrem Herkunftsland, jetzt, wo fundamentalistische Taliban-Milizen wieder die Macht im Land übernehmen? "Wenn ich Bilder von triumphierenden Taliban sehe, werden meine Kindheitstraumata wieder wach." 

Arzoo Bahramand kam im Jahr 2010 als Asylbewerberin nach Belgien. Sowohl sie als auch ihr Mann hatten einen Abschluss als Ärzte, der hier jedoch nicht anerkannt wurde. Ihr Mann fand Arbeit als Betreiber eines Spätkaufs, während Arzoo zusätzliche Kurse belegte, um an der Universität Gent als Gynäkologin zu beginnen, wo sie jetzt als Fertilitätsmedizinerin arbeitet.

Arzoo sagt, sie höre jeden Tag Horrorgeschichten von ihrer Familie in Afghanistan. "Junge Mädchen und Witwen werden verschleppt, um sie mit Taliban-Mitgliedern zu verheiraten. Jungen werden ab dem Alter von 12 Jahren Gewehre in die Hand gedrückt und man sagt ihnen, dass sie von Gott auserwählt wurden." 

Ihre Schwägerin ist Lehrerin in Jalalabad, aber unter dem Taliban-Regime ist die Schulausbildung für Mädchen und Frauen verboten. "Sie weiß nicht, was sie tun soll. Soll sie mit ihrer Familie fliehen oder nicht? Und wenn ja, wohin soll sie gehen?

Die Welt sieht zu, wie die Taliban auf dem Vormarsch sind. Niemand greift ein

Arzoo fügt hinzu, dass sie das Gefühl hat, im Stich gelassen worden zu sein: "Die Welt schaut zu, wie die Taliban zurückkehren, und niemand schreitet ein. Wir fühlen uns im Stich gelassen. Einige meiner Freunde und Familienmitglieder leben dort. (...) Nein, mir geht es nicht gut." 

Die Hoffnungen auf eine bessere Zukunft schwinden

Mariyam Safis Vater ist es gelungen, aus Afghanistan zu fliehen. Sie und ihre Mutter konnten ihm erst viel später, im Rahmen einer Familienzusammenführung, im Jahr 2004 folgen. Mariyam war damals 13 Jahre alt und hatte nie eine Schule besucht, erzählt sie.

"Als die Taliban besiegt wurden, dachten wir, sie würden für immer verschwinden. Wir hatten Hoffnungen für die Zukunft des Landes, aber diese Hoffnungen haben sich nun in Luft aufgelöst. Wenn ich die triumphierenden Taliban sehe, kommen meine Kindheitstraumata zurück."    

Wenn ich die triumphierenden Taliban sehe, kommen meine Kindheitstraumata zurück

Umögliche Entscheidung?

Sahadi Darias Eltern verließen Afghanistan mit der ganzen Familie, als er 1 Jahr alt war. Nach einer 14 Jahre dauernden Irrfahrt erhielten sie in Belgien den Flüchtlingsstatus. Sahadi lernte erst mit 15 Jahren lesen und schreiben, aber heute ist er Schulleiter an einer Grundschule in Antwerpen.

Sahadi befürchtet, dass seine Verwandten vor einer fast unmöglichen Wahl stehen: "Wenn sie bleiben, werden sie jeden Tag mit unmenschlichem Terror konfrontiert. Aber es ist auch schwierig, das Land zu verlassen. Meine Eltern hatten vor 20 Jahren keine Wahl, aber seither tragen sie eine Last von Schuldgefühlen mit sich herum. Sie sagen: 'Wir haben unser Land im Stich gelassen'."  

Wenn sie bleiben, werden sie mit Terror konfrontiert. Aber wenn sie gehen, werden sie mit Schuldgefühlen geplagt

Meist gelesen auf VRT Nachrichten