De Croo fordert nach Afghanistan-Chaos bessere Zusammenarbeit der EU und kritisiert USA

Premierminister Alexander De Croo (Open VLD, flämische Liberale, Foto) plädiert für eine stärkere Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen europäischen Ländern, um Evakuierungssituationen, wie wir sie jetzt in Afghanistan erleben, besser bewältigen zu können. Gleichzeitig kritisiert er die Vereinigten Staaten. "Wir müssen gemeinsam die Entscheidung treffen, die Mission dort zu beenden, um nicht vor vollendete Tatsachen gestellt zu werden."

Im Moment organisiert jedes Land seine eigenen Evakuierungen, aber eigentlich sollte dies mehr auf europäischer Ebene koordiniert werden, findet Ministerpräsident Alexander De Croo (Open VLD). "Wir haben zwar in den letzten Tagen intensiv mit anderen Ländern, insbesondere mit den Niederlanden, zusammengearbeitet, aber wir sollten diese Art der Evakuierung viel besser auf europäischer Ebene koordinieren. In einer Zeit wie dieser, in der alles sehr chaotisch und gefährlich ist, brauchen die europäischen Länder ein System der Koordinierung und gegenseitigen Hilfe".

Und der belgische Regierungschef stellt klar: Es handelt ich in Kabul alles andere als um eine einfache Operation. "Wir müssen das richtige Konzept für die Evakuierung finden  zwischen der Beförderung der richtigen Personen zum Flughafen und der Aufnahme nur derjenigen, die Anspruch auf Unterstützung haben.

Wir müssen diese Art der Evakuierung in ganz Europa viel besser koordinieren
Premierminister Alexander De Croo (Open VLD)

De Croo zufolge ist der Grund dafür, dass es ein solches System derzeit nicht gibt, die Tatsache, dass einst beschlossen wurde, die konsularische Hilfe von der europäischen Diplomatie auszuschließen. Konkret bedeutet dies, dass jedes Land für die Hilfe verantwortlich ist, die es seinen Landsleuten im Ausland leistet. "Aber wenn wir uns die aktuelle Situation ansehen, ist es sinnvoll, dass sich die Länder gegenseitig helfen. Ob wir nun vor Ort Belgier, Deutsche oder Niederländer retten, ist doch egal, letztlich sind wir alle Europäer. Was die Zusammenarbeit und die Verteidigung angeht, haben wir als Europa noch viele Schritte zu tun".

Ob wir nun Belgier, Deutsche oder Niederländer retten ist doch egal, letztendlich sind wir alle Europäer.
Premierminister Alexander De Croo (Open VLD)

Vor einigen Tagen erklärte US-Präsident Joe Biden mit Nachdruck, dass die Vereinigten Staaten "jeden Amerikaner zurückholen" würden. Gilt das auch für unser Land? "Wir haben Listen erstellt, wer Anspruch auf Schutz hat; das sind Belgier, aber auch Afghanen, die für uns gearbeitet haben. Wir tun alles, was wir können, um diesen Menschen zu helfen".

"Menschen in Not zu helfen, ist Teil des Auftrags eines Landes, aber wir können auch keine unmöglichen Dinge tun. Wir müssen auch an die Sicherheit von Diplomaten und Militärangehörigen denken."

Kritische Worte an die Adresse der USA

Premierminister De Croo macht auch die Vereinigten Staaten dafür verantwortlich, dass die Situation in Afghanistan völlig eskalieren konnte. "Wir müssen klare Gespräche mit den USA führen, dass sie keine einseitigen Entscheidungen treffen können. Wir sind als NATO-Staaten nach Afghanistan gegangen, wir müssen auch gemeinsam die Entscheidung treffen, den Einsatz dort zu beenden und dürfen nicht vor vollendete Tatsachen gestellt werden. Genau das ist in den letzten Monaten geschehen.“

Und was ist mit den Kosten?

Wie viel diese Rettungsaktion unser Land kosten wird, ist derzeit "unmöglich zu sagen", sagt De Croo. "Unsere oberste Priorität ist es jetzt, die Menschen in Sicherheit zu bringen und nur diejenigen zurückzubringen, die dazu berechtigt sind."

Besteht die Möglichkeit, dass die Evakuierten für die Kosten (teilweise) selbst aufkommen müssen? "Nein, so funktioniert das nicht. Notfallevakuierungen sind etwas, das ein Land auf sich nimmt, das ist überall der Fall".

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