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Belgische Forscher finden überraschende Ähnlichkeit zwischen Gehirne von Kraken und Menschen

Forscher der KU Leuven haben herausgefunden, dass sich die Gehirne von achtarmigen Kraken ähnlich entwickeln wie die des Menschen. Die Entdeckung könnte erklären, warum die Tiere so klug sind.

Achtarmige Tintenfische können spielen, träumen, Gegenstände benutzen und sogar vorausplanen. Sie zeigen Verhaltensweisen, die wir für intelligent halten und die auch bei Wirbeltieren wie Affen und Delfinen vorkommen.  

Entwicklungsbiologen von der KU Leuven haben möglicherweise eine Erklärung für dieses Verhalten gefunden. Sie haben untersucht, wie sich die Gehirne der Tiere entwickeln und haben eine große Ähnlichkeit mit dem Menschen festgestellt. 

Die Bedeutung wandernder Gehirnzellen

Im menschlichen Gehirn entwickeln sich die Gehirnzellen nicht dort, wo sie ihre Funktion erfüllen. Sie entwickeln sich aus Hirnstammzellen, die in einer dünnen Schicht um die Gehirnhöhlen herum liegen. Wenn Hirnstammzellen zu funktionsfähigen Gehirnzellen heranwachsen, wandern sie an ihren Bestimmungsort im Gehirn.   

Wissenschaftler haben lange Zeit angenommen, dass sich nur die Gehirne von Wirbeltieren (der Mensch ist ebenfalls ein Wirbeltier) auf diese Weise entwickeln. Die Forschungsgruppe von Eve Seuntjens, Professorin für Tierphysiologie und Neurobiologie an der KU Leuven, hat jedoch herausgefunden, dass sich auch die Gehirne von achtarmigen Tintenfischen auf diese Weise entwickeln. 

© Gustavo A. Rojas - creative.belgaimage.be

"Kraken sind wirbellose Tiere, die seit der Entstehung des Lebens auf der Erde eine sehr unterschiedliche Evolution durchlaufen haben", sagt Seuntjens. "Wenn die Gehirne zweier Tierarten, die eine sehr unterschiedliche Evolution durchlaufen haben, sich auf die gleiche Weise entwickeln, kann man sagen, dass diese Art der Entwicklung wahrscheinlich dazu beiträgt, das Ausmaß der Intelligenz einer Art zu bestimmen.”  

Für ihre Forschung züchteten Seuntjens und ihre Kollegen achtarmige Tintenfische im Labor. Da die Eier der Tiere transparent sind, konnten sie jedes Stadium ihrer Entwicklung genau beobachten und feststelle, dass die Gehirnzellen der Kraken genauso wandern wie die des Menschen.

Dieses Foto zeigt eine Ansammlung von Tintenfischeiern unter einem Stereomikroskop. Die Embryonen sind in den Eiern zu sehen.
Astrid Deryckere/KU Leuven

"Für uns ist das der Beweis, dass die Migration von Gehirnzellen für die Bildung komplexer Gehirne von grundlegender Bedeutung ist", sagt Astrid Deryckere (KU Leuven), die die Forschung leitet: "Die Art von Gehirn, die zu intelligentem Verhalten fähig ist."  

In der nächsten Phase ihrer Forschung wollen die Wissenschaftler herausfinden, wie der Aufbau der Gehirne zu einer effektiven Gehirnaktivität führt und welche Verhaltensweisen sich daraus ergeben.

Eine halbe Milliarde Nervenzellen

Dass sich die Gehirne der achtarmigen Kraken ähnlich entwickeln wie die des Menschen, ist bemerkenswert, denn das Gehirn eines Kraken hat eine völlig andere Struktur und bestehen aus völlig anderen Zelltypen wie beim Menschen", erklärt Seuntjens: "Bei Tintenfischen befindet sich das Gehirn zwischen den Augen und um die Speiseröhre herum. Wenn sie schlüpfen, nimmt das Gehirn etwa ein Fünftel des Körpers ein. Aber dieses Verhältnis wird kleiner, wenn die Tiere wachsen.” 

Seuntjens weist auch darauf hin, dass achtarmige Kraken eine halbe Milliarde Nervenzellen haben, etwa so viele wie ein kleiner Menschenaffe. Nur ein Drittel dieser Zellen befindet sich im Gehirn, der Rest in den Armen. Weil Kraken so viele Nervenzellen in ihren Fangarmen haben, wird manchmal behauptet, dass sie neun Gehirne haben: eines im Kopf und ein weiteres in jedem Arm, von denen jeder auch unabhängig agiert. Wissenschaftliche Untersuchungen haben diese Behauptung jedoch widerlegt: Ein Krake hat nur ein Gehirn, das den gesamten Körper steuert. 

Lena van Giesen

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