Dutzende Kinder leben in Brüssel auf der Straße - Wie viele das sein könnten, weiß niemand so genau

Nach Schätzungen des Kindersuchwerks Child Focus leben in Brüssel dutzende Kinder auf der Straße. Einige davon sollen gerademal 9 Jahre alt sein. Child Focus geht davon aus, dass deren Zahl stetig steigt: „Wir haben 20 bis 30 von ihnen identifiziert, doch die wirkliche Zahl liegt wohl viel höher.“ Diese Kinder leben meist in leerstehenden oder abrissreifen Gebäuden, sind nicht selten Drogenabhängig und fassen nur schwerlich Vertrauen zu Personen oder Einrichtungen, die ihnen helfen wollen. 

„Das sind entsetzliche Geschichten“, sagt Sofia Mahjoub von Child Focus dazu gegenüber VRT NWS. Diese Kinder kommen zumeist aus Marokko, Algerien oder Tunesien und durchkreuzen danach sehr oft alleine Europa. Von Spanien aus schaffen sie es über Paris nach Brüssel. Europaweit sollen nach Angaben von Europol 400 bis 500 solcher Kinder unterwegs sein.

Die meisten von ihnen wollen aber weiter nach Skandinavien weiterziehen, so Mahjoub: „Einige lebten schon auf der Straße, andere kommen aus zerbrochenen Familien. Wieder andere werden auf die Reise geschickt oder sind einfach nur auf der Suche nach ein wenig Glück. Ihre Motivation ist sehr unterschiedlich.“

Doch Child Focus stellt auch fest, dass viele dieser Kinder physisch und psychisch völlig leer sind: „Sie haben kein Ziel mehr. Wir beobachten, dass viele von ihnen auch sehr schnell Abhängig von Drogen und Medikamenten werden und dadurch geraten sie nicht selten in die Hände von Kreisen, die sie für Diebstähle missbrauchen.“ 

Es kann doch nicht sein, dass ein 9 Jahre altes Kind auf der Straße leben muss.“

Sofia Mahjoub, Child Focus

Es sei leider sehr schwierig, diese Kinder in den Griff zu bekommen und sie ein Strukturen einzuführen, die sie aufnehmen, damit sie sich zum Beispiel erholen können. Die Behörden gehen eher härter mit diesen Kindern um, so Sofia Mahjoub weiter: „Sie finden sich dann in geschlossenen Heimen wieder, doch dass ist nicht ideal, denn es muss auch an deren Suchtproblem gearbeitet werden. Oder sie werden in offene Einrichtungen eingewiesen, wo sie leicht abhauen können. Es ist sehr schwierig, ihr Vertrauen zu erlangen.“

Was kann man dagegen unternehmen? „Wir müssen ihnen auf der Straße helfen, ihnen zu Essen geben und sie sich waschen oder duschen lassen. Andererseits sollte man sie in kleineren Einrichtungen aufnehmen, damit man sie von ihrer Sucht befreien kann und damit sie mit einer Ausbildung oder mit einem Job wieder ein Ziel bekommen“, so die Child Focus-Mitarbeiterin gegenüber VRT NWS.

Die Behörden und Einrichtungen, die sich mit diesem Kindern befassen, brauchen deutlich mehr finanzielle Mittel, damit eine spezielle Aufnahme für diese Kinder möglich wird. Die Politik wisse das und habe dies auch auf der Tagesordnung stehen, so Mahjoub, doch die Mühlen mahlen hier langsam: „Wir sind noch weit von einer idealen Lösung entfernt aber es kann doch nicht sein, dass ein 9 Jahre altes Kind auf der Straße leben muss.“ 

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